Leber: Tumore und Metastasen - moderne Diagnostik und Therapie

Hanse-Klinikum Stralsund GmbH
PD Dr. med. habil. Matthias Birth
Chefarzt der Klinik für Allgemein-, Viszeral-, Thorax- und Gefäßchirurgie
Große Parower Str. 47 – 53
18435 Stralsund
Tel.: 0 38 31 / 35 19 00
Fax: 0 38 31 / 35 19 06
m.birth@klinikum-hst.de
Schwerpunkte
•    Onkologische Chirurgie (hepatobiliär, Pankreas, ösophagus, Magen, Colon)
•    Interventionelle Tumorablation (verschiedene Verfahren u. Zugangswege)
•    minimal-invasive Chirurgie (alle Organe)
•    Proktologie

Universitätsklinikum Schleswig-Holstein
Campus Lübeck
PD Dr. Thomas Helmberger
Komm. Direktor Institut für Radiologie
Ratzeburger Allee 160
23538 Lübeck
Tel.: 0451 / 500 2129
Fax: 0451 / 500 6497

Schwerpunkte
Minimal-invasive radiologische Intervention
•    Tumortherapie
      Thermoablation von Tumoren mit Radiofrequenz
      Embolisation-/Chemoembolisation von Tumoren
      Anlage von Portsystemen zur Chemotherapie etc.
•    Gefäßinterventionen
      Rekanalisationen von Engstellen und Verschlüssen, z.B. mit Ballon-Kathetern,  
      Einbringen von Stents
      Interventionelle Aortenprothesen
      Verschluß von Gefäßmißbildungen, z.B. Hämangiomen
      Shuntanlage bei Zirrhose (TIPS)
      Uterusmyomembolisation etc.
•    Schmerztherapie
      Facette-Gelenk-Blockaden u.a. Nervenblockaden
      Vertebroplastie etc.
      Bildgebende Diagnostik (Schwerpunkte CT und MRT)
•    Funktionelle, nicht-invasive Bildgebung des Herzens und der Gefäße
•    Nicht-invasive Untersuchung des Darmes (z.B. virtuelle Koloskopie)
•    MRT Diagnostik der Abdominalorgane

PROTOKOLL

17.01.2005

Leber: Tumore und Metastasen - moderne Diagnostik und Therapie

Karo_Buzlaff: Was passiert in der Leber durch Metastasen. Wird dadurch die Funktion gestört?

PD DR. BIRTH / PD DR. HELMBERGER: Lebermetastasen stellen Fremdgewebe dar, das von dem sog. Primärtumor, z. B. dem Tumor des Dickdarms in die Leber gestreut wird. Die Metastasen können dabei ganz unterschiedlich wachsen. Einerseits können sich einzelne oder mehrere bis zu mehreren Zentimetern große Tumorabsiedelungen bilden. Das Wachstum kann diffus in der Leber sich ausbreiten oder in einer kleinknotigen Form mit unzähligen punktförmigen Metastasen vorliegen. Grundsätzlich sind zwar Funktionsbeeinträchtigungen der Leber anhand von Laborveränderungen festzustellen, eine Funktionsstörung, die vom Patienten bemerkt wird, erfordert jedoch einen sehr ausgeprägten Ersatz von ursprünglichem Lebergewebe durch Tumorgewebe. So wird allgemein angenommen, daß mindestens 70 % des normalen Lebergewebes durch Tumorgewebe ersetzt sein müssen, bevor der Patient eine klinische Veränderung selbst bemerkt. Veränderungen der Funktion können jedoch früher eintreten, wenn die Tumoren z. B. die Gallenwege oder aber auch die Pfortader oder die Lebervenen durchdringen, d. h. infiltrieren. Bei sehr oberflächlicher Lage der Metastasen kann es auch zu einer Spannung im Gewebe und damit zu einem dumpfen Oberbauchschmerz kommen.

anonym: Meine Oma, mütterlicherseits, hatte Krebs und mein Vater hat Prostatakrebs. Muß ich damit rechnen, ebenfalls Krebs zu bekommen und wenn ja, wie kann ich feststellen lassen, ob sich bereits Krebszellen in meinem Körper gebildet haben und evtl. noch nicht "ausgebrochen" sind?

PD DR. BIRTH / PD DR. HELMBERGER: Die vorgestellte Konstellation mit Tumor auf mütterlicher Seite bei der Großmutter und auf väterlicher Seite spiegelt kein spezifisches Risiko wider. Damit dürfte, anders ausgedrückt, dasselbe Risiko wie bei anderen altersgleichen Personen vorliegen. Grundsätzlich ist bei dieser Konstellation ein spezifischer Test für Krebszellen derzeit routinemäßig nicht möglich bzw. wird auch nicht angeboten. Anders verhält es sich mit sog. Vorsorgemaßnahmen, die bei Personen weiblichen Geschlechts ab 45 Jahren, der Vorsorge des Mammakarzinoms dienen. D. h. beim entsprechenden Alter sollten Sie sich routinemäßig einer Brustuntersuchung und einer eventuellen Mammographie unterziehen. Darüber hinaus wird für Frauen und Männer ebenfalls Vorsorgeuntersuchung im Bereich des Uterus bzw. der Prostata empfohlen. Für andere Personen, in deren Familie mehrere enge Verwandte in sehr jungem Alter an Krebs erkrankt sind, besteht prinzipiell die Möglichkeit, eine familiäre Belastung im Rahmen einer Vorsorgeuntersuchung bei Ihrem Arzt auszuschließen.

Wolfgang Barth: Ich bin 78 Jahre alt. Guter Allgemeinzustand. Seit Mai 20004 Lungenkarzinom z. Z. 2 cm und Metastasen an der Leber 6 cm. Habe 4 Chemotherapien und 2 Leberchemotherapien erhalten. Ergebnis wird Ende Jan. durch CT überprüft. Welche anderen Möglichkeiten der Therapie habe ich noch?

PD DR. BIRTH / PD DR. HELMBERGER: Die von Ihnen geschilderte Behandlung des Tumorleidens stellt die derzeitige Standardtherapie bei einem Lungenkrebs dar, der bereits das Organ verlassen hat und in andere Organe gestreut hat. In Abhängigkeit von der genauen Tumorart ist ggf. noch über eine Bestrahlung zu entscheiden. Leider hat sich in der Vergangenheit gezeigt, daß eine operative Entfernung bzw. auch eine Zerstörung nur der Metastasen bei nicht zu entfernendem Primärtumor nicht zu einer Verbesserung der Gesamtprognose beiträgt.

Biber: Bis zu welcher Größe (und Anzahl?) können Lebermetastasen mit R. F. A. behandelt werden?

PD DR. BIRTH / PD DR. HELMBERGER: Für die R. F. A. (Radiofrequenzablation) gelten nach den Leitlinien der Arbeitsgemeinschaft für interventionelle Radiologie der Deutschen Röntgengesellschaft in Anlehnung an die Leitlinien anderer nationaler und internationaler Fachgesellschaften etwa fünf Metastasen mit einem maximalen Durchmesser von 5 cm in Abhängigkeit der Tumorart als zur Behandlung geeignet. Diese Festlegung ist unter der Vorgabe eines geschlossenen Vorgehens, d. h. einer Behandlung der Metastasen durch die Haut vorgenommen worden. Prinzipiell muß eine komplette Zerstörung der Metastasen, auch bei Vorliegen von mehr als fünf Tumoren, als sinnvoll angesehen werden, erfordert aber in der Regel ein Vorgehen per Bauchhöhlenspiegelung oder Bauchschnitt. Letztendlich ist eine individuelle Entscheidung über die Durchführung der R. F. A. und ihre eventuelle Kombination mit anderen Therapieverfahren zu fordern.

rruhert: Können Sie beschreiben, was genau bei der Radiofrequenztherapie gemacht wird? Ich habe Ihre interessanten Antworten zwar gelesen, aber so ganz habe ich das Verfahren noch nicht verstanden.

PD DR. BIRTH / PD DR. HELMBERGER: Bei der Radiofrequenzablation wird eine Nadel, ähnlich einer Punktionsnadel zur Gewebegewinnung, in den zu behandelnden Tumor eingebracht. Der Durchmesser einer solchen Nadel beträgt etwa 1 bis 1,5 mm. Der Schaft der Nadel ist bis auf die Spitze isoliert. Die Spitze selbst oder sogar kleine Antennen, die aus der Spitze ausgefahren werden können, sind stromleitend. Die Nadelspitze bzw. Sonden an der Spitze der Nadel werden über einen Radiofrequenzgenerator, der nichts anderes ist als ein Langwellenradiosender, mit einer Neutralelektrode, die z. B. an den Oberschenkeln angeklebt wird, verbunden. Nach Anschalten der Radiofrequenz kommt es über die Radiowellen zu einer fokussierten Erhitzung des Gewebes um die Sonde. Abhängig von der Einwirkdauer und der Leistung des Radiofrequenzsenders können Temperaturen bis 100 Grad Celsius erzielt werden. Der Durchmesser des abladierten Areals kann mit handelsülichen Sonden bis zu 5 cm betragen. Aufgrund der Größe der Sonden ist bei Eindringen durch die Haut nur ein winziger Schnitt und in der Regel eine örtliche Betäubung und eine allgemeine Schmerzempfindlichkeitssenkung durch Medikamente ausreichend.

Daisy: Meine Karzinome sind als wenig aggressiv eingestuft. Wie konnte es trotzdem zur Streuung kommen? Leberkrebs streut doch eher selten. Muß ich bestimmte Lebensmittel meiden? Im Oktober 03 hat man mir ein blutendes Geschwür aus der Leber entfernt. Ursache unbekannt. Zwei weitere Operationen folgten. Leber jetzt frei, Streuung in die Lunge im November 04. Erfolgreiche OP an der Lunge. Was kann ich selbst zur Vorsorge beitragen? Ist Misteltherapie sinnvoll?

PD DR. BIRTH / PD DR. HELMBERGER: Aus Ihren Fragen geht leider nicht eindeutig hervor, ob es sich um einen primären Tumor der Leber oder um eine Lebermetastase, deren Primärtumor nicht gefunden wurde, handelt. In jedem Fall können auch als niedrig aggressiv eingestufte bösartige Tumore im weiteren Verlauf streuen. Eine Beeinflussung des Tumors durch bestimmte Lebensmittel ist leider nicht möglich. Ebenso ist die positive Beeinflussung der Tumorerkrankung durch eine Misteltherapie nach schulmedizinischen Kriterien nicht nachgewiesen.

Daisy: Es handelt sich um einen Primärtumor der Leber.

PD DR. BIRTH / PD DR. HELMBERGER: Primäre Tumore in der Leber, das sog. hepatozelluläre Karzinom = Leberzellkrebs oder bösartige Tumoren der Gallenwege, streuen in der Tat sehr selten (weniger als 5 %). Ist die Ursache unbekannt, so hilft eine ã„nderung der Lebensweise nicht, anderenfalls kann es sinnvoll sein, Substanzen, die die Leberfunktion beeinträchtigen können, zu meiden. Hierbei handelt es sich im Wesentlichen um Alkohol. Die Therapiemöglichkeiten beim Leberzellkrebs aber auch den Tumoren der Gallenwege sind, abgesehen von der klassischen Operation, eher begrenzt. Bei umschriebenen Tumoren in der Leber, dies ist bei Ihnen derzeit ja aufgrund der Operation nicht mehr der Fall, sind in Fällen, in denen eine Operation nicht mehr möglich ist, die Behandlung durch lokale Hitzeeindringung (sog. Thermoablation) oder die umschriebene Chemotherapie bzw. die umschriebene Einbringung von hochprozentigem Alkohol in den Tumor möglich.

Rob: Habe Lebertumor und bei mir soll eine Wärmebehandlung gemacht werden. Was haben sie mit der Methode für Erfahrungen?

PD DR. BIRTH / PD DR. HELMBERGER: Bei der Beantwortung der Frage gehen wir davon aus, daß Sie von einer lokalen Wärmezerstörung des Tumors und nicht von einer Ganzkörpererwärmung sprechen. Die erstere stellt eine sehr wirkungsvolle Therapie bei nichtoperativ zu entfernenden Lebertumoren dar. Sie ist allerdings an eine Reihe von Voraussetzungen gebunden, zu denen insbesondere die Größe, Anzahl und Lage der Tumoren innerhalb der Leber zählen. Zur Erzielung optimaler Ergebnisse ist es ganz besonders wichtig, die Therapie durch ã„rzte vornehmen zu lassen, die eine besondere Erfahrung auf diesem Gebiet besitzen. Gleichzeitig ist es wichtig, daß diese lokale Behandlung in ein Gesamtbehandlungskonzept durch verschiedene Fachgruppen eingebettet wird. Die Ergebnisse durch die Ansprechpartner in dieser Sprechstunde mit der lokalen Wärmebehandlung sind als sehr positiv zu bezeichnen.

InaHachmann: Warum muß das Krebsgewebe zerstört werden? Wenn man mit so einem Hitzestab rundherum den Tumor begrenzen würde, dann ist der doch abgeschnitten von allem, warum muß man ihn dann noch ganz herausnehmen und ein „Loch“ verursachen im Gewebe?

PD DR. BIRTH / PD DR. HELMBERGER: Ihre Überlegung ist grundsätzlich durchaus richtig bzw. vorstellbar. Leider ist Tumorgewebe in der Lage, auch über das durch die Hitze zerstörte Gewebe hinaus bzw. hindurch zu wachsen. D. h. in dem von Ihnen geschilderten Fall könnte also noch Tumorgewebe, das im Zentrum des Tumors belassen wurde, über die verbrannte Tumorgrenze wachsen. Ziel der Thermoablation mittels Radiowellen oder Laserlichtenergie ist es deshalb, Tumorzell-ansammlung, d. h. z. B. Metastasen, vollständig einschließlich eines Sicherheitssaumes durch die Hitze zu zerstören.

astrid : Erhöht sich die positive Wirkung des Medikaments GLIVEC gegen GIST-Metastasen in der Leber, wenn die größeren Metastasen durch Hitzeverfahren aufgelöst werden? Meine Frage bezügl. GIST möchte ich ergänzen durch die Info, daß der Primärtumor erfolgreich entfernt wurde.

PD DR. BIRTH / PD DR. HELMBERGER : Grundsätzlich scheinen Sie einen sehr positiven Therapieverlauf bei einem sog. GIST-Tumor erfahren zu haben. Die Glivec-Therapie stellt eine äußerst potente Behandlung des GIST dar, so daß bei zusätzlichem Auftreten von Lebermetastasen, auch wenn hierzu derzeit keine Studiendaten vorliegen, die Kombination aus Thermoablation zur Zerstörung sichtbarer Metastasen mit der zusätzlichen Glivec-Therapie zur Behandlung eventuellen Resttumor-gewebes bzw. von Mikrometastasen äußerst sinnvoll und viel versprechend erscheint.

Jörges : Stimmt es, daß es eine Behandlung bei Geschwülsten gibt, bei der man nicht mehr schneiden muß, sondern durch die Haut mit Wärme behandelt? Für welches Stadium ist das die richtige Behandlung?

PD DR. BIRTH / PD DR. HELMBERGER : Es ist richtig, daß bei geeigneter Tumorlokalisation in der Leber und einer entsprechenden Größe eine Behandlung derselben nur mittels einer Nadel, die durch die Haut in den Tumor eingestochen wird, möglich ist. Ob der jeweilige Tumor dafür geeignet ist, oder aber ein Vorgehen mittels Bauchhöhlenspiegelung bzw. Eröffnung der Bauchhöhle erforderlich ist, ist individuell zu entscheiden.

christa59 : Durch sehr spätes Erkennen meines Brustkrebses ist auch die Leber mit Metastasen befallen worden. Nach einer 4-kursigen neoadjuvanten EC-Chemo erfolgte Amputation, danach noch 2 Kurse. Der Erfolg ist Gott sei Dank so, daß sich die Lebermetastasen von 36 mm auf 2 x 3 - 4mm verkleinert haben. Jetzt sagt mein Arzt, daß die ursprünglich vorgesehene "Verkochung" wegen der geringen Größe nicht mehr gemacht werden kann und ich warten soll (2 Monate bis zur Nachschau). Ich will aber auch die letzten Reste endlich loswerden und weiß nicht, wie ich mich weiter verhalten soll. Was raten Sie mir?

PD DR. BIRTH / PD DR. HELMBERGER : Die Metastasen können zur Thermoablation im Grunde nicht zu klein sein, allenfalls dann, wenn sie so klein sind, daß sie mit bildgebenden Verfahren wie Ultraschall oder Computertomographie nicht mehr erkennbar wären. Andererseits ist der von Ihnen geschilderte Therapieerfolg genau die Voraussetzung, die man sich für eine erfolgreiche Thermoablation von verbliebenem Resttumorgewebes wünscht. D. h. wir würden mit der Verkochung nicht warten, sondern sie zum jetzigen Zeitpunkt durchführen und durch eine abschließende Chemotherapie (z. B. 2 Zyklen) abschließen.

BARCAU : Wenn Metastasen mit Elektrizität verödet werden, was passiert dann mit dem verödeten Gewebe? Das löst sich ja nicht weiter auf, oder?

PD DR. BIRTH / PD DR. HELMBERGER : Für die Zerstörung des Tumors ist bei der Hochfrequenzstromtherapie nicht der Strom im eigentlichen Sinne verantwortlich, sondern die durch den Stromfluß in der unmittelbaren Umgebung der Nadelspitze entstehende Wärme. Diese Wärme führt zu einer kompletten Tumorzerstörung und letztlich zu einem narbigen Umbau. Diese Narbe wird schrittweise durch den Körper abgebaut und durch aus der Umgebung einwachsendes Lebergewebe ersetzt.

CWeberson : Kann man Leberkrebs mit der Schlüssellochtechnik operieren?

PD DR. BIRTH / PD DR. HELMBERGER : Prinzipiell ist die komplette Entfernung des Tumors mit einem umgebenden Saum gesunden Lebergewebes anzustreben. Dieses wird in aller Regel über eine entsprechende Operation an der eröffneten Bauchhöhle durchgeführt. Bei günstiger Tumorlokalisation und -größe ist aber auch die Durchführung dieser Operation mittels sog. Schlüssellochchirurgie möglich. Keinesfalls sollten jedoch Zugeständnisse bezüglich der Radikalität der Operation an den Zugang vorgenommen werden. D. h. die Sicherheit der Tumorentfernung geht vor.

Martina : Gilt die CT immer noch als beste Methode (anstatt MET und MRT) zur Erkennung von kleineren Lebermetastasen, die bei MRT zum Beispiel auch als eventuelle Blutgerinnsel o. ä. diagnostiziert wurden?

PD DR. BIRTH / PD DR. HELMBERGER : Die derzeit besten Methoden zur Detektion von Lebermetastasen stellen die MRT und die PET, ein nuklearmedizinisches Verfahren, dar. Abhängig von der Größe und der Tumorart lassen sich mit diesen Verfahren dabei 10 bis 15 % mehr Metastasen in der Leber finden als mit der CT.

LisaKahler : Bei meinem Vater wurden zweimal Metastasen aus der Leber entfernt. Wie häufig hält die Leber das aus?

PD DR. BIRTH / PD DR. HELMBERGER : Prinzipiell ist die komplette Tumorentfernung anzustreben, auch wenn dies mehrfache Operation an der Leber erfordert. Eine Wiederholung von Leberoperationen ist prinzipiell so häufig möglich, wie ausreichend funktionsfähiges Lebergewebe nach der Tumorentfernung zurückgelassen werden kann. Dies erfordert unter Berücksichtigung der Laborparameter eine entsprechende Erfahrung des Therapeuten.

Peter M. : Wie groß ist die Gefahr einer weiteren Metastasierung in andere Organe von der Leber aus?

PD DR. BIRTH / PD DR. HELMBERGER : Die Gefahr einer Metastasierung von der Leber ausgehend hängt von mehreren Faktoren ab. Dies ist einerseits die Art des ursprünglichen Tumors, so ist z. B. bei Metastasen des Dickdarmskrebs in der Leber die Wahrscheinlichkeit für Folgemetastasen in der Leber und in anderen Organen relativ hoch. Zudem ist die Größe der Lebermetastasen entscheidend. Haben diese einmal Lebergefäße in größerem Umfang erreicht, so ist eine Streuung von Tumorzellen über die Blutbahn und damit in andere Organe leicht möglich. Warum dennoch auch verhältnismäßig große Tumoren mit Blutgefäßanschluß keine anderweitigen Metastasen verursachen, ist vielfach noch ungeklärt.

Plümel : Geht diese Strombehandlung um Metastasen zu entfernen auch, wenn man einen Herzschrittmacher hat?

PD DR. BIRTH / PD DR. HELMBERGER : In der Anfangszeit der Behandlung mit R. F. A. galt ein Herzschrittmacher als Ausschlußkriterium für eine Behandlung. Mittlerweile liegen ausreichende Erfahrungen vor, daß dies nur noch in ganz wenigen, sehr speziell gelagerten Fällen zutrifft. D. h. in den meisten Fällen kann auch mit Herzschrittmacher eine R. F. A. durchgeführt werden. In diesen letztgenannten Fällen stehen jedoch neuartige Sonden zur Verfügung, die eine Behandlung in spezialisierten Zentren erlaubt.

K_Meyer : Wenn die Entfernung von Metastasen nicht offen gemacht wird, sondern durch Hitze, dann kann der Chirurg möglicherweise ja gar nicht sehen, ob wirklich alles Krebsgewebe zerstört wurde. Was passiert, wenn da nur so ganz kleine Fasern übrig sind. Verfallen die dann von selbst?

PD DR. BIRTH / PD DR. HELMBERGER : Sie sprechen ein grundsätzlich Problem der nicht offenen Verfahren zur Tumorzerstörung an. Allerdings wird ja die Entscheidung für ein nicht offenes Behandlungsverfahren erst dann getroffen, wenn eine Operation aus technischen oder allgemeinmedizinischen Gründen nicht mehr möglich ist. Das Belassen von kleinsten Tumoranteilen, zum Teil nur einzelnen Tumorzellen, ist somit im Gegensatz zur offenen Chirurgie das Risiko einer minimal-invasiven Behandlung, wie z. B. durch die Radiofrequenzablation. Da denjenigen, die diese Behandlungsverfahren anwenden, dieses Risiko bekannt ist, wird im Regelfall die Radio-frequenzablation über die sichtbaren Tumorränder weit ausgedehnt. Und durch eine Chemotherapie im Regelfall ergänzt, sofern die zu behandelnde Tumorart dies sinnvoll erscheinen lässt.

EBahn : Kann man nicht chirurgisch einfach die Blutgefäßanbindung durchtrennen, dann würde der Tumor doch keine Versorgung mehr haben und müsste absterben?

PD DR. BIRTH / PD DR. HELMBERGER : Prinzipiell ist der von Ihnen erwähnte Gedanke einer Unterbindung der Tumorblutgefäße sinnvoll und wird therapeutisch genutzt. Leider kann man eine Heilung der Erkrankung durch ein solches Verfahren nicht herbeiführen. Zum anderen ist es bei Tumoren, die zentral in der Leber liegen, dadurch eingeschränkt, daß man chirurgisch einen erheblichen Schaden auf dem Weg zum Tumor setzen würde. Hier bietet die Embolisation der Blutgefäße, z. B. mit verschiedenen Partikeln, die Möglichkeit eines kompletten Verschlusses der Tumor-blutgefäße, um so das weitere Wachstum des Tumors einzuschränken. Eine Kombination der Embolisation mit der gleichzeitigen Gabe eines Chemotherapeutikums stellt z. B. eine wirksame Therapiealternative bei primären Lebertumoren dar, die anderweitigen Therapie-formen nicht mehr zugänglich sind.

Zezi_Schwabe : Führt die Radiofrequenztherapie zu Heilung?

PD DR. BIRTH / PD DR. HELMBERGER : Grundsätzlich kann die Radiofrequenzablation zu einer vollständigen Entfernung eines Tumors und damit zur Heilung führen. Dabei muß jedoch bedacht werden, daß bei den derzeit gültigen Therapieregimen die Radiofrequenzablation als Prozedur mit Punktion der Haut oder mehr oder weniger offen chirurgisch erst im Verlauf der meisten Erkrankungen eingesetzt wird. Dies wird häufig als sog. palliativer Therapieansatz bezeichnet. Allerdings zeigt die Erfahrung auch, daß es in diesem palliativen Ansatz zu einem langfristig tumorfreien Verlauf durch die Ablation kommt.

Olli_Schönfeldt : Ist die Radiofrequenzbehandlung bei Krebs eine anerkannte Therapie oder gehört sie zu den Off-Label-Behandlungen?

PD DR. BIRTH / PD DR. HELMBERGER : Als Off-Label-Behandlung wird die Behandlung mit einem Verfahren für eine Erkrankung, für die das Verfahren nicht zugelassen ist, bezeichnet. Die Radiofrequenzablation ist für die Behandlung von Lebertumoren zugelassen. Mittlerweile haben große Patientenzahlen die Wirksamkeit des Verfahrens dokumentiert.

PaulSchuldt : Warum werden Metastasen mit viel Aufwand herausoperiert, warum wird nicht ein ganzer Teil der Leber entfernt wo die sitzen, weil die Leber doch nachwächst? Wäre das nicht einfacher?

PD DR. BIRTH / PD DR. HELMBERGER : In der Tat ist das Standardvorgehen nicht die "Herausnahme" des einzelnen Lebertumors, sondern die Entfernung von umschriebenen Leberteilen. Dabei orientiert man sich an den Grenzen von sog. Lebersegmenten, d. h. funktionell autonomen Leberbezirken. Dabei muß unter Berücksichtigung der Leberqualität auf die Belassung von ausreichendem Gewebe geachtet werden.

GOld : Wie wirkt sich die Behandlung von Metastasen durch Chirurgie oder auch eines der neuen Verfahren wie Laser oder Strom auf die Funktion der Leber aus hinterher? Wird die beeinträchtigt?

PD DR. BIRTH / PD DR. HELMBERGER : Wird ausreichend funktionsfähiges Lebergewebe belassen, so gilt sowohl für die chirurgische wie auch die minimalinvasive Metastasenbehandlung, daß kein wesentlicher Leberfunktions-verlust eintritt.

Dieter : Kann man die befallene Leber mit einer Spenderleber austauschen?

PD DR. BIRTH / PD DR. HELMBERGER : Für die allermeisten Tumoren und insbesondere die metastatischen Lebererkrankungen hat man eine Lebertransplantation als therapeutische Maßnahme mittlerweile verlassen, da sie nicht zu einer Verbesserung des Krankheitsverlaufes beitragen konnte. In Einzelfällen, insbesondere mit kleinen primären Lebertumoren auf dem Boden einer Leberzirrhose, stellt sie derzeit noch das bevorzugte Behandlungsprinzip dar.

Ann : Werden mit dieser Elektrobehandlung auch Lymphknoten verschmolzen, damit die nichts weiter transportieren, falls es da noch irgendwelche Reste gibt?

PD DR. BIRTH / PD DR. HELMBERGER : Aufgrund des Metastasenausbreitungsweges in Lymphbahnen und Lymphknoten ist nach jetzigem Kenntnisstand die R. F. A. von Lymphknoten bis auf äußerst seltene Ausnahmen unter eher experimentellen Bedingungen, nicht geeignet.

Thom_Karthaus : Eine schonende Behandlung von Lebermetastasen klingt ja gut, aber ich habe gehört, daß das nur gemacht wird, wenn nichts anderes mehr geht. Ich verstehe die Logik nicht. Warum will man Patienten schonen, wenn es keine Perspektive gibt und die anderen, die eine Chance haben, da macht man auf und richtet von außen her zusätzlichen Schaden an.

PD DR. BIRTH / PD DR. HELMBERGER : Wie bereits oben erwähnt, ist es entscheidend, den Tumor komplett zu entfernen, unabhängig davon, welchen Weg man für die Tumorentfernung wählt. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt ist nur die operative Therapie, d. h. die Entfernung von tumortragenden Leberteilen mittels schneidendem Instrumentarium, in ihrer Langzeitwirkung ausreichend belegt und gilt deshalb noch als Standardtherapie, solange eine potentielle Heilung der Erkrankung möglich ist. Möglicherweise werden wir in der Zukunft durch die minimal-invasiven Verfahren gleich gute Ergebniss nachweisen können, so daß dann schonendere Behandlungsverfahren an die Stelle der derzeitigen Chirurgie treten werden.

Aschersdorf : Was ist mit Laser bei Metastasen?

PD DR. BIRTH / PD DR. HELMBERGER : Das Prinzip der lokalen Ablation von Tumoren, sprich Metastasen, besteht in der Gewebezerstörung durch Hitze. Grundsätzlich ist es dabei nicht von Belang, wie die Hitze an die Tumorzelle gelangt. Dies kann einerseits durch Radiofrequenzenergie, andererseits durch Laserlicht aber auch durch Mikrowellen geschehen. Die einzelnen Verfahren unterscheiden sich dabei im Wesentlichen durch ihre Praktikabilität.

anonym : Kann der Experte etwas zu Hyperthermie in der Behandlung von Leber-Metastasen sagen? Wie sind die Chancen, wer kommt dafür in Frage, welche Risiken sind damit verbunden?

PD DR. BIRTH / PD DR. HELMBERGER : Zur sog. Hyperthermie (auch Tiefenhyperthermie und Teilkörperhyperthermie genannt) liegen derzeit keine systematischen Studien vor, die belegen können, daß die Hyperthermie Lebermetastasen positiv behandelt. Dies gilt nicht für die Hyperthermie in Kombination mit Chemotherapie. Hierbei können Wirkverstärkungen durch die Hyperthermie hervorgerufen werden, für die in Einzelfällen ein positiver Behandlungserfolg beschrieben ist. Derzeit stellt die Kombination von Hyperthermie und Chemotherapie zur Behandlung von Lebermetastasen noch kein etabliertes Verfahren dar.

MODERATORHINWEIS : Uns erreichen zahlreiche Fragen, ob die Radiofrequenztherapie, die hier in der Behandlung von Leberkrebs beschrieben wurde, möglicherweise auch zur Behandlung anderer Krebsarten geeignet sein könnte. Die Experten werden sich hierzu kurz zusammenfassend äußern:

PD DR. BIRTH / PD DR. HELMBERGER : Das Prinzip der Radiofrequenzbehandlung, d. h. der lokalen Tumorzerstörung, ist auch auf andere Tumorarten außerhalb der Leber prinzipiell anwendbar. So liegen sehr begrenzte Erfahrungen unter Studienbedingungen zur Ablation von Tumoren der Lunge, der Nieren, Nebennieren, Knochen und Weichteile vor. Dabei muß nochmals ausdrücklich darauf hingewiesen werden, daß die Behandlung von Tumoren außerhalb der Leber nur nach interdisziplinärer äußerst individueller Indikationsstellung unter Studienbedingungen empfohlen werden und durchgeführt werden sollte.

Softy : Diese neue Technik klingt so einfach, warum ist da bisher keiner drauf gekommen? Wie kann der Chirurg aber die genaue Stelle finden und woher weiß er, daß wirklich alles zerstört ist und nicht noch Reste geblieben sind?

PD DR. BIRTH / PD DR. HELMBERGER : Die Technik der R. F. A. ist prinzipiell seit den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts bekannt. Erst mit der Weiterentwicklung der Nadeln und der Generatoren vor etwa 15 Jahren ist ein wirklich wirkungsvoller klinischer Einsatz möglich geworden. Hinzukommend hat sich das Wissen um die Ausbreitungswege von bösartigen Tumoren deutlich verbessert, so daß die Behandlung eines metastasierten Tumorleidens mittlerweile mit guten Erfolgen durchgeführt wird. Letztlich haben auch Verbesserung in der bildgebenden Diagnostik wesentlich dazu beigetragen, die Patienten zu selektieren, die von einem solchen Verfahren profitieren. Die Kontrolle der Tumorfreiheit erfolgt zum einen durch Nachuntersuchung des entfernten Lebergewebes durch den Pathologen. Auf der anderen Seite bietet die moderne Bildgebung die Möglichkeiten, auch sehr kleine Tumorreste aufzufinden und nachzubehandeln.

PD DR. BIRTH / PD DR: Die Fragen und Antworten der letzten zwei Stunden sollten Patienten mit Tumorerkrankungen - vielleicht nicht nur der Leber - Mut machen, sich mit der Diagnose Leberkrebs oder Lebermetastasen nicht aufzugeben, sondern sich an ã„rzte, die sich im interdisziplinären Dialog untereinander verständigen und die Kombination von verschiedenen Therapiemöglichkeiten in Erwägung ziehen, zu wenden. Durch die Fortschritte der verschiedenen Therapiemodalitäten ist so in einigen Fällen eine Heilung, oftmals aber eine mehrjährige Lebensverlängerung und Verbesserung der Lebensqualität erzielt worden. Wir danken Ihnen für Ihr Interesse und wünschen Ihnen noch einen angenehmen Abend.



Ende der Sprechstunde.