Prostatakrebs - moderne Formen der Hormontherapie

Urologikum Hamburg
Dr. med. Rudolf Osieka
Facharzt für Urologie, Arzt für medikamentöse Tumortherapie
Poppenbütteler Weg 177
22399 Hamburg
Tel.: 040 / 69 21 440
Fax: 040 / 69 21 429
E-Mail: praxis@urodoc-hamburg.de
Internet: www.urologikum-hamburg.de
Schwerpunkte
• Urologische Krebserkrankungen
• Prostatabiopsien in Anästhesie
• Ambulante Chemotherapien
• Brachytherapie der Prostata
• Kryotherapie der Prostata
• Vorsorge, erweiterte Vorsorge und Nachsorge
• Steinerkrankungen
• Blasenschwäche (Inkontinenz)
• Männererkrankungen
• Störungen der Sexualfunktion
• Potenzstörungen (erektile Dysfunktion)
• unerfüllter Kinderwunsch
• "Aging Male"
• Kinderurologie
• Operationen
Ambulant: Eingriffe am äußeren Genitale, Harnröhre und Blase, Sterilisationen
Stationär: Minimal-invasive Verfahren zur Behandlung der Prostata, von Steinen und Tumoren (operative Verfahren und Laserverfahren, ESWL)in Kooperation mit der urologischen Abteilung des Marienkrankenhauses, Hamburg.Brachytherapie in Kooperation mit Dr. Zimmermann (Strahlentherapeut) im AK Barmbek.
Kryotherapie des lokalisierten Prostatakarzinoms, insbesondere bei Rezidiv nach Strahlentherapie
• Untersuchungen
Ultraschall (TRUS), Blasenspiegelung, Röntgen, Blasendruckmessung (Urodynamik)
Labor: Harn-, Blutuntersuchungen, Hormonanalysen, Spermiogramme

PROTOKOLL
25.02.2008
Prostatakrebs - moderne Formen der Hormontherapie
Anonymus : Bei der Hormontherapie wird immer wieder die intermittierende Form diskutiert. Für welche Situationen würden Sie diese Therapie anwenden, welche Vorteile können Sie nennen und bei welchen Werten sollte man unterbrechen bzw. wieder einsetzen. Besten Dank für Ihre Auskunft.
DR. OSIEKA : Die intermittierende Hormontherapie, heißt eine Therapieunterbrechung wenn der PSA-Wert auf ein sehr niedriges Niveau zurückgegangen ist, wird seit ca. sieben Jahren in Studien untersucht. Bisher hat sich kein Unterschied bei der kontinuierlichen Therapie im Vergleich zur intermittierenden Therapie gezeigt. Sowohl, was ein Fortschreiten der Erkrankung als auch das Überleben angeht. Die Studien sind noch nicht ganz abgeschlossen. Man wird wohl noch zwei Jahre brauchen. Dennoch wird weltweit wegen der bisher so guten Ergebnisse die intermittierende Form zur Zeit bevorzugt. Die Frage, wann man wieder mit einer Therapie beginnen soll, wird sehr unterschiedlich beantwortet. In den deutschen Studien beginnt man bei PSA-Werten um 20. Es kommt aber bestimmt auch auf den Ausgangswert an. So macht man nichts verkehrt, wenn man bei einem PSA-Wert von 6 - 7 wieder beginnt. Während der Therapiepause muss alle drei Monate der PSA-Wert kontrolliert werden. Interessant ist dann auch, ob der Testosteron-Wert wieder ansteigt. Der Sinn der intermittierenden Behandlung ist eine bessere Lebensqualität in der Therapiepause. Dies findet sich nicht immer. Eine große Ersparnis der Medikamentenkosten liegt auf jeden Fall vor.
anonym : Bitte einmal die Anzeichen für Prostatakrebs ganz konkret schildern. Wenn es geht in der Reihenfolge der Wichtigkeit. Vielen Dank
DR. OSIEKA : Die Anzeichen für Prostatakrebs sind in jedem Krankheitsstadium verschieden. Bei einem lokalisierten, d. h. nur örtlich vorhandenen, Prostatakrebs merkt der Patient keine Krankheits-zeichen. Deshalb ist ja die konsequente Vorsorge so wichtig! Der Prostatakrebs kann in einem späteren Stadium sich vor allem durch Symptome, die Metastasen verursachen, und hier besonders Knochenschmerzen, bemerkbar machen, aber auch Beschwerden beim Wasserlassen können in seltenen Fällen einmal das erste Symptom sein. Insgesamt muss man leider sagen, dass der Prostatakrebs immer fortgeschritten ist und auch nicht mehr heilbar ist, wenn Symptome aufgetreten sind.
Johannsen : Ws ist der Unterschied in der Therapie, wenn der Prostatakrebs bei mir hormonabhängig ist. Bei meinem Schwager ist das nicht der Fall. Ist beides gleich gut oder schlecht zu behandeln?
DR. OSIEKA : Ein hormonabhängiger Prostatakrebs ist in den allermeisten Fällen sehr gut zu behandeln. Denn die Prostatakarzinomzelle braucht zu ihrem Wachstum meist das männliche Hormon Testosteron. Wenn die Wirkung des Testosterons gehemmt wird, kann der Prostatakrebs schlecht weiter wachsen. Ein hormonunabhängiger Krebs muss leider nicht nur antihormonell weiterbehandelt werden, weil auch da immer noch Krebszellen vorhanden sind, die auf diese Therapie ansprechen, sondern man muss erwägen, besonders wenn Metastasen vorhanden sind, eine Chemotherapie zu beginnen.
Harnack : Macht mich eine Hormonbehandlung bei Prostatakrebs impotent?
DR. OSIEKA : Es gibt verschiedene Arten der Hormonbehandlung. Meist wird die Bildung des Testosterons unterdrückt, so dass keine Wirkung auf die Prostatakrebszelle mehr besteht. Es gibt aber auch Hormonbehandlungen, bei denen nur die Bindungsstelle des Testosterons in der Prostatakrebszelle besetzt wird, so dass das Testosteron nur dort nicht mehr ansetzen kann. Es bleibt dann reichlich Testosteron im Gesamtorganismus. Bei der Erstform der Behandlung tritt fast immer eine Impotenz auf, die sich sowohl in verringertem Verlangen als auch in einer ausbleibenden Gliedsteife zeigt. Bei der zweiten Form der Behandlung passiert dies in ca. einem Drittel der Fälle ebenfalls, die restlichen Patienten werden aber nicht impotent. Die erste Form der Hormonbehandlung ist etwas intensiver als die zweite Form.
anonym : Was genau ist ein EGFR-Hemmer? Wie hilft mir das? Wie lange? Wie gut?
DR. OSIEKA : EGFR-Hemmer heißt Epidermal-Growth-Factor-Receptor-Hemmer. Eine neue Entwicklung der Krebstherapie im Allgemeinen sucht Antikörper oder Inhibitoren für solche Wachstumsrezeptoren in den Krebszellen. Für das Prostatakarzinom liegen hier bisher nur sehr unvollständige und nicht ausreichende Studien vor. Bei anderen Krebsformen, wie beim Darmkrebs und Brustkrebs, hat man schon positive Erfahrungen gemacht. Für den Prostatakrebs laufen diese Studien weltweit gerade erst an. Die ersten seriösen Studien werden wohl im Laufe dieses Jahres aufgelegt. Diese Stoffe werden zunächst nur bei fortgeschrittenen Prostatakrebsarten untersucht.
anonym : Bei einer normalen Vorsorgeuntersuchungen, die ich jedes Jahr einmal mache, ist festgestellt worden, dass ich Prostatakrebs habe. Wie kann der so schnell wachsen in einem Jahr? Ich habe nämlich bereits zwei kleine Absiedlungen im Hüftknochen. Festgestellt wurde ferner, dass ich eine Behandlung zur Hormonunterdrückung mit Zoladex bekommen soll. Könnte der Experte dazu noch mehr sagen, gibt es unterschiedliche Behandlungen?
DR. OSIEKA : Auch, wenn bei Ihnen die jährliche Vorsorgeuntersuchung keinen Erfolg hatte, in dem Sinne, dass der Prostatakrebs früh erkannt wurde, sollte dies andere Männer nicht davon abhalten, regelmäßig zur Vorsorgeuntersuchung zu gehen. In Ihrem Fall weiß ich nicht, in welchem Ausmaß die Vorsorgeuntersuchung erfolgt ist, d. h. vor allem, ob auch ein PSA-Wert untersucht wurde (dies ist keine Kassenleistung). Die Urologen fordern seit Jahren, die PSA-Untersuchung in die normale Vorsorgeuntersuchung aufzunehmen. In seltenen Fällen (unter 5 %) gibt es auch sehr schnell wachsende Prostatakrebse, die trotz intensiver Vorsorge der Früherkennung entgehen. Sie haben nun schon zwei Metastasenbildungen, deshalb ist eine heilende Therapie nicht möglich. Dennoch können Sie mit einer effizienten Therapie noch viele Jahre in relativer Beschwerdefreiheit leben. Auf jeden Fall ist die Hormonunterdrückung mit Zoladex eine gute Behandlungsoption. In letzter Zeit wird unter Experten diskutiert, ob nicht auch im Falle einer Metastasierung der Ursprungsort des Krebses, nämlich die Prostata, besonders behandelt werden sollte, d. h. entweder operiert oder bestrahlt werden sollte. Dies müssen Sie bitte mit Ihrem behandelnden Urologen diskutieren.
Kalinus : Was muss ich an Nebenwirkungen bei einer Zoladex-Behandlung erwarten? Ist das eines der besser verträglichen Medikamente oder geht die Verträglichkeit auf Kosten der Wirksamkeit?
DR. OSIEKA : Bei der Zoladex-Behandlung muss man subjektive akute Nebenwirkungen von Nebenwirkungen nach längerer Behandlung unterscheiden. Akut merkt der Mann sofort, dass kein Testosteron mehr gebildet wird. Er leidet besonders unter Hitzewallungen, wie eine Frau in den Wechseljahren. Er wird etwas muskelschwächer. Gelegentlich treten leichte Wasseransammlungen auf. Er wird keine Gliedsteife mehr haben und das sexuelle Verlangen geht zurück. Wenn er nun gegensteuert, indem er vor allem eine gewisse Diät einhält und sich gut bewegt, werden diese Nebenwirkungen in Grenzen bleiben. Gegen die Hitzewallungen können auch Medikamente benutzt werden. Die langfristigen Nebenwirkungen sind zweierlei. Zum einen kann nach einigen Jahren eine Osteoporose einsetzen, so dass es zu einer gehäuften Knochenzerbrechlichkeit kommt. Zum anderen kommt es zu einer Häufung von Symptomen, die man metabolisches Syndrom nennt: Fettleibigkeit, hoher Blutdruck, Neigung zu erhöhtem Blutzucker. Diese Symptome können dann wiederum zu Arteriosklerose, Herzinfarkt und Durchblutungsstörungen des Gehirns führen. Auch hier ist die beste Gegenmaßnahme Diät und Bewegung und eine internistische Kontrolle, die bei entsprechenden Symptomen auch eine Behandlung beinhaltet. Es gibt auch Medikamente, die das männliche Hormon nicht unterdrücken, wie das Casodex 150. Hier bleibt die Testosteronkonzentration im Blut erhalten. Das Mittel hat seine Wirkung nur bei fortgeschrittenen Prostatakrebsen bewiesen. Bei kleineren Prostatakrebsen war es nicht besser als andere Therapien. Man kann also nicht von besser oder schlechter wirksamen Medikamenten reden und dies bei der Wirksamkeit berücksichtigen.
Korf : Gibt es eine unterschiedliche Stärke, mit der die Hormonproduktion blockiert wird, oder ist das immer gleich?
DR. OSIEKA : Es gibt unterschiedliche Stärken der Hormonblockade. Bisher hat aber die so genannte komplette Hormonblockade gegenüber der einfachen Hormonblockade keine bessere Wirkung gezeigt. Dies könnte sich in den nächsten Jahren durch effektivere Medikamente ändern.
anonym1930 : Ich habe seit Jahren eine stark vergrößerte Prostata. Nehme seit Jahren täglich eine Kapsel Tamsulosin. Aufgrund einer Blasenentzündung mit Urinstau (Ciprofloxacin 250 mg) empfahl mir mein Urologe, die Prostata durch abhobeln zu verkleinern. Meine Frage: Ist es empfehlenswert oder gibt es bessere Methoden?
DR. OSIEKA : Die Harnentleerungsstörung bei vergrößerter gutartiger Prostata und einer Blasenentzündung sollte auf Dauer nicht mehr mit dem ansonsten sehr gut wirksamen Tamsulosin behandelt werden. Hier ist auch heute noch die elektrische Abhobelung der Prostata der "Goldstandard". In den letzten Jahren sind viele weitere Methoden zur Prostataverkleinerung hinzugekommen. Die meisten nehmen dabei Laserstrahlen verschiedener Intensität zu Hilfe. Es sind dies zwar alles moderne Verfahren aber im Alltag haben Sie noch nicht eine wesentliche Verbesserung der Methode gebracht. In Einzelfällen, besonders wenn die Prostata klein ist und nur ein geringes Hindernis darstellt, können diese Verfahren aber sinnvoll sein.
Zoss : Wie oft, in welchen Abständen sollte ich bei einer Casodex Einnahme 3 x 50mg/Tag eine Zometa-Infusion bekommen. Über welchen Zeitraum?
DR. OSIEKA : Zometa-Infusionen müssen nicht grundsätzlich mit der Einnahme von Casodex verbunden sein. Zometa ist nur zugelassen und hat seine Wirksamkeit gezeigt bei der Vorbeugung von skelettbezogenen Komplikationen durch Knochenmetastasen. Nur dann sind Zometa-Infusionen sinnvoll. Zometa hat auch eine Wirkung bei der Prophylaxe von Osteoporose. Dies ist aber bei der Einnahme von Casodex nicht notwendig, da bei Casodexeinnahme die Hormonproduktion, die ja auch für die Knochenstabilität verantwortlich ist, weiter vorhanden ist. Falls Sie Knochenmetastasen haben, sollte das Zometa eine lange Zeit in vierwöchigem Abstand infundiert werden. Die wichtigsten Nebenwirkungen der Zometa-Infusion sind Knochennekrosen, besonders im Kieferbereich. Falls Sie Zometa bekommen, sollte ein Zahnarzt alle kranken Zähne und Zahnwurzeln sorgfältig sanieren.
anonym : Was empfehlen Sie außer dem Medikament Tamsulosin?
DR. OSIEKA : Es gibt eine Kombinationstherapie Tamsolusin und Finosterid, ein Alpha-Reduktase-Hemmer. Unter dieser Therapie wird sowohl die vermehrt gewachsene Prostatamuskulatur entspannt als auch die Wirkung des Testosterons in der Prostatazelle reduziert, weil das Testosteron nicht mehr in Hydrotestosteron umgewandelt wird. Das Letztgenannte ist die aktive Substanz in der Prostatazelle. Eine nicht allzu große Prostata wird unter dieser Therapie kleiner. So kann manchmal eine Operation verhindert werden. Der Nachteil ist eine Veränderung des PSA-Wertes, so dass eine Früherkennung eines Prostatakrebses erschwert ist. In ca. 10 % der Fälle kommt es auch zu Brustschwellungen und Impotenz. So hat sich diese Therapie, die in den USA sehr propagiert wird, in Europa nicht recht durchsetzen können und wird meist nur bei inoperablen Patienten oder bei Patienten, die eine Operation strikt ablehnen, angewandt.
Paolo : Ich habe einen hormonabhängigen Tumor, der anstelle einer Operation bestrahlt wurde/wird. Erst wollte der Urologe das nicht so sagen, aber das ist so, weil der Tumor schon ziemlich groß ist. Mir wäre eine Entfernung lieber gewesen. Ist Bestrahlung besser? Danach soll ich ein Medikament namens Zoladex bekommen. Warum nicht gleichzeitig, also schon während der Bestrahlung?
DR. OSIEKA : Die Entscheidung, ob ein Prostatakarzinom operiert wird oder bestrahlt wird, hat wenig mit der Prostatagröße als mit dem Ausbreiten des Tumors zu tun. Falls Sie einen örtlich fortgeschrittenen Prostatakrebs haben, was ich hier vermute, so ist in der Tat eine Bestrahlung eine gute Alternative, wenn eine moderne Form der Strahlentherapie benutzt wird. Die Schwierigkeit ist, eine hohe Strahlendosis an den Tumorort zu bekommen, ohne dabei den benachbarten Darm und die benachbarte Blase allzu sehr zu schädigen. Eine geringere Dosis hat allerdings keinen Nutzen. So müssen Sie Ihren Strahlentherapeuten nach der Dosis, die er appliziert fragen. In manchen Zentren wird eine kombinierte Bestrahlung bei diesem Tumorstadium angewandt. Hier wird zunächst eine örtliche Bestrahlung mit radioaktiven Stiften oder mit kleinen Röhrchen vorgenommen und in weiteren Sitzungen dann eine zusätzliche Bestrahlung von außen durchgeführt. Dies scheint bessere Ergebnisse zu bringen. Die Hormonbehandlung ist bei solch fortgeschrittenen Tumoren, besonders, wenn ein hoher Bösartigkeitsgrad vorliegt, eine weitere sinnvolle Maßnahme. Bisher konnte kein Nutzen bei der parallel verlaufenden Bestrahlungs- und Hormontherapie gezeigt werden, allerdings auch kein Schaden, so dass auch hier eine Diskussion mit den behandelnden Ãrzten sinnvoll wäre.
Mosleitner : Ich nehme 2 x 50 g Casodex und konnte den PSA-Wert auf 0,07 senken. Kann diese Anwendung ein Dauerzustand sein?
DR. OSIEKA : Es gibt zwei verschiedene Dosierungen von Casodex. Entweder wird 50 mg mit einer anderen Hormonsuppression, d. h. einem LHRH-Analogon durchgeführt oder es werden 150 mg Casodex als alleinige antihormonelle Therapie durchgeführt. Die von Ihnen durchgeführte Therapie ist leider nichts Halbes und nichts Ganzes. Sie müssen dies mit Ihrem behandelnden Arzt diskutieren, welche Form für Sie die geeignete ist. Dann allerdings muss es nicht eine Dauertherapie sein, sondern man kann auch eine intermittierende Therapie diskutieren.
romy : Mein Onkel hat die Diagnose Prostatakarzinom (gutartig) c61g erhalten. Von 12 Gewebeproben war eine positiv. In drei Wochen soll die Operation sein. Soll er sich operieren lassen? Ein zweiter Arzt meinte, es könnte sich auch zu einem bösartigen Tumor verändern!? Gibt es auch andere Therapien? Die 12 Gewebeproben ergaben Angaben wie 10-15 mm. Ist das die Größe des Karzinoms?
DR. OSIEKA : Ihre Frage ist nicht einfach zu beantworten. Es ist zum einen ein gutes Zeichen, dass bei einer relativ großen Prostata nur eine von zwölf Proben einen Krebs zeigte. Die Millimeter-Angaben zeigen die Größe oder die Länger der Gewebsproben an. Es sind also 12 x 10 bis 15 mm lange Gewebsstücke entfernt worden. Wichtig ist jetzt die Höhe des PSA-Wertes, die noch in Relation zu dem Prostatavolumen von 61 g gesetzt wird und die Bösartigkeit des Gewebes, die in Gleason-Raten ausgedrückt wird. Ein Gleason-Grad bis 6 oder knapp 7 hat einen geringen Bösartigkeitsgrad. Das dritte Kriterium für die Beurteilung des Krankheitsbestandes und vor allem der Therapierichtung ist das Alter des Patienten. Wenn man diese Kriterien zusammen hat, teilt man heute den Prostatakrebs in ein "Low Risk", "Intermediate Risk" oder in "High Risk" Tumor ein. Gleichzeitig müssen auch die Lebensumstände des Patienten und seine Einstellung zur Erkrankung berücksichtigt werden. Die Studien der letzten Jahre haben gezeigt, dass Patienten mit einem Low-Risk-Tumor in 90 % der Fälle über zehn Jahre ohne ein Tumorfortschreiten überleben. Sie können sich vorstellen, dass bei einem Patienten, der schon ein fortgeschrittenes Alter erreicht hat, hier eine Therapie nicht unbedingt sinnvoll ist. In den USA gibt es auch Patienten, die sagen, sie können bei diesem Tumorstadium ja auch noch gut und gerne fünf Jahre warten, bis eine Therapie durchgeführt wird. Bei diesen Patienten wird dann empfohlen, alle sechs Monate einen PSA-Wert durchzuführen und alle ein bis zwei Jahre eine Prostata-Biopsie durchzuführen, um das Risiko erneut abzuschätzen. In Europa konnte sich diese Form des Umgangs mit dem Low-Risk-Tumor noch nicht durchsetzen. Die mittleren und High-Risk-Tumoren sollten auf jeden Fall so behandelt werden, dass eine Heilung angestrebt wird. D. h. die Patienten sollten operiert werden oder einer effektiven Strahlentherapie zugeführt werden.
Romy : Mein Onkel ist 71 Jahre alt. Weitere Werte die mir noch vorliegen ist Creatinin 4,0 ng/ml und ein Wert in Angabe 94 q/mol.
DR. OSIEKA : Ein Creatinin von 4,0 kann verschiedene Ursachen haben, die nicht mit dem Prostatakrebs zusammenhängen. Dies ist eine sehr starke Nierenschwäche. Selbstverständlich kann auch die Prostata dies verursacht haben, indem der Prostatakrebs die Harnleiter ummauert hat, so dass der Urin aus den Nieren nicht mehr richtig abfließen kann und staut. Hier müssten zunächst die Nieren durch eine Hilfsoperation entlastet werden, bevor man an die Prostataerkrankung herangeht. Falls es sich wirklich bei der Nierenschwäche ursächlich um die Prostataerkrankung handelt, ist die Hormontherapie die Therapie der ersten Wahl und eine Operation kommt nicht mehr in Frage. Eventuell könnte man eine Strahlentherapie erwägen. Hier kommt es aber sehr auf die individuellen Umstände an. Falls mit der Zahl 94 der PSA-Wert gemeint ist, deutet dies auch auf ein fortgeschrittenes Krebsleiden hin, auch hier ist die Hormontherapie die Therapie der Wahl.
anonym : Was für eine Untersuchung ist nötig, um festzustellen, ob ein Prostatatumor hormon-abhängig ist? Was bedeutet das Wissen für mich als Patient? Ist es von Vorteil oder nicht? Ist ein solcher Krebs besser zu heilen, als wenn er nicht hormonabhängig wäre?
DR. OSIEKA : Ich möchte zunächst die letzte Frage beantworten. Ein hormonunabhängiger Prostatakrebs ist wesentlich schwerer zu behandeln als ein hormonabhängiger. Ob ein Prostatatumor hormonabhängig ist, kann man nur im Verlauf der Hormontherapie erkennen. Unter dieser Therapie muss der PSA-Wert sinken. Sinkt der PSA-Wert nicht, liegt eine Hormonun-abhängigkeit vor und es muss über eine weit intensivere Therapie mit wesentlich mehr Nebenwirkungen nachgedacht werden.
Hanke : Kann die Hormontherapie auch als 1. Behandlung eingesetzt werden (keine Bestrahlung bisher)?
DR. OSIEKA : Die Hormontherapie sollte nur als Erstbehandlung eingesetzt werden, wenn eine kurative (heilende) Therapie nicht mehr möglich ist oder wenn der Patient aufgrund von anderen Erkrankungen, einem schlechten Allgemeinzustand oder aus Altersgründen einer heilenden Therapie nicht mehr zugeführt werden kann.
Pincetto : Meine P-OP (Total-OP unter Entfernung der Lymphknoten) ist knapp 5 Jahre her und seitdem nehme ich Hormonpräparate (Casodex). Wann (oder ist überhaupt) damit zu rechnen, dass die Wirkung nachlässt? Gibt es dann eine andere Kombination Hormonpräparate die mir hilft?
DR. OSIEKA : Bei der Beantwortung Ihrer Frage fehlt noch die Information, wie weit der Prostatakrebs örtlich fortgeschritten war und ob Krebszellen in den Lymphknoten gefunden wurden. Ich nehme an, dass Sie einen örtlich fortgeschrittenen Prostatakrebs hatten und deshalb das Casodex verordnet wurde. Ob die Wirkung nachlässt, kann man nicht voraussehen. Ich würde Ihnen empfehlen, die Therapie fortzusetzen oder auch mit Ihrem Arzt über eine intermittierende Therapie nachzudenken, was in Ihrem Falle heißt, dass man mit der Therapie wieder beginnt, wenn PSA nachweisbar ist. (Ich nehme hier an, dass zur Zeit kein PSA nachweisbar ist). Heute würde man bei einem lokal fortgeschrittenen Prostatakarzinom nach der Operation eine Bestrahlung der Prostataoperationsloge vornehmen. Diese Erkenntniss wurde erst in letzter Zeit durch Studien gesichert. Falls Sie damals keine Lymphknotenmetastasen hatten, wäre selbst heute noch über eine Bestrahlung des Operationsgebietes zu diskutieren. Es kommt hier aber sehr auf die individuellen Umstände an.
Bernie : Ich nehme 2 x 50g Casodex und konnte den PSA-Wert auf 0,07 senken. Wie lange kann ich diese Therapie machen?
DR. OSIEKA : Diese Fragen hatten wir bereits im ersten Teil der Sprechstunde beantwortet. Die Antwort finden Sie ab morgen in unserem Archiv.
Michael : Nach einer Prostatektomie mit pos. Schnittrand und externer Bestrahlung steigt der PSA-Wert nach einer 2 HB erneut sehr schnell. Im normalen CT war nichts zu sehen. Ein Cholin PET-CT zeigt nun Metastasen in den Lymphknoten zwischen den Lungenflügeln. Meine Fragen: Können diese Lymphknoten entfernt oder bestrahlt werden? Wenn eine jetzt einzuleitende Hormonblockade nicht mehr wirken sollte, welche Therapieoptionen gibt es noch?
DR. OSIEKA : Der schnelle Anstieg des PSA-Wertes zeigt einen Progress der Prostatakrebserkrankung. Allerdings ist das Cholin PET-CT nicht unbedingt ein Beweis für die positiven Lymphknoten zwischen den Lungenflügeln. Es gibt bei dieser Untersuchung oft falsch positive Ergebnisse. Man bestrahlt solche Lymphknoten nur, wenn bewiesen ist, dass sie metastatisch verändert sind und wenn sie klinische Probleme bereiten, d. h. Schmerzen bereiten oder wichtige Organe beeinträchtigen. Deshalb ist hier eine Bestrahlung nicht angezeigt, sondern eine Hormontherapie. Diese Therapie ist in Ihrem jetzigen Krankheitsstadium die einzig sinnvolle. Sie kann lange anhalten.
mary : Bei meinem Lebensgefährten (67) wurde im Dezember eine komplette Entfernung der Prostata vorgenommen. Nach der OP erfolgte eine 3-wöchige Reha. Nach der OP besteht eine Inkontinenz, mit der er absolut große Schwierigkeiten hat, da keine Besserung trotz Beckenbodentraining zu erkennen ist. Nun ist er sehr niedergeschlagen und fühlt sich in seiner Lebensqualität sehr eingeschränkt. Er mag nicht mehr weg gehen, da durch die Windelhosen es doch ein unangenehmes Gefühl ist und auch nicht immer eine Möglichkeit zum Wechseln besteht. Er fragt sich nun natürlich immer und immer wieder, wie lange wird diese Inkontinenz noch bestehen oder werde ich sie überhaupt nicht mehr los, bzw. was kann ich noch tun, um eine Besserung zu erreichen. Vielleicht können Sie einen Rat geben, was man noch tun kann.
DR. OSIEKA : Die Inkontinenz nach totaler Prostatektomie ist in der Tat eine schwere Beeinträchtigung der Lebensqualität. Falls Ihr Lebensgefährte sehr nasse Einlagen hat, ist drei Monate nach der Therapie nicht mehr mit einer kompletten Kontinenz zu rechnen. Es sei denn, er hat noch eine Harnwegsinfektion und auch schwere reizblasige Beschwerden. Falls Ihr Lebensgefährte einen PSA-Wert von 0 hat, kann man nach einem knappen Jahr über die Einsetzung eines künstlichen Schließmuskels diskutieren. Dieser Schließmuskel heißt Scott-Sphenkter. Es ist ein unsichtbarer künstlicher Schließmuskel, der aber nur von Spezialisten eingesetzt werden sollte. Dies führt dann zu einer wesentlichen Verbesserung der Lebensqualität, obwohl auch dann manchmal ein kleiner Tropfen unbehindert abgeht. Eine medikamentöse Therapie der männlichen Inkontinenz ist nicht zugelassen.
Marianne : Mein Mann geht regelmäßig zur Vorsorge (weil ich ihn anschiebe). Vor wenigen Tagen ist jetzt etwas festgestellt worden, was der Arzt mit "Abklärungsbedarf" bezeichnete. Jetzt soll eine Stanz-Biopsie bei meinem Mann gemacht werden. Das macht uns beiden Angst. Es klingt gefährlich und macht sicherlich Schmerzen. Wann ist so etwas notwendig, wie wird es gemacht und wie schmerzhaft ist es?
DR. OSIEKA : Die Indikation für eine Stanz-Biopsie kann aus verschiedenen Gründen gestellt werden. Zum einen kann ein verdächtiger Tastbefund erhoben worden sein oder der PSA-Wert ist im Verlauf der Jahre angestiegen. Beides ist ein absoluter Grund für eine Stanz-Biopsie. Die Biopsie hat eine sehr geringe Komplikationsrate. Es kommt immer zu einer Blutung aus dem Darm und im Urin für einige Tage und auch der Samenerguss kann bis zu einem halben Jahr blutig aussehen. Dies ist aber mehr ein ästhetisches als ein praktisches Problem. Es kann aber auch eine Infektion der Prostata auftreten. Unter antibiotischem Schutz kommt dies statistisch bei jeder 400. Biopsie vor, ist also doch sehr selten. Es gibt mehrere Methoden, die Schmerzen bei der Biopsie zu vermeiden. Ich rate Ihrem Mann, seinen Urologen zu fragen, wie er es mit einer Schmerzvorbeugung hält. Dies wird in Deutschland sehr unterschiedlich gehandhabt. So unzweifelhaft wichtig bei Ihrem Mann die Biopsie ist, so unzweifelhaft ist es auch möglich, diese fast schmerzfrei durchzuführen.
Schuri : Gibt es einen Unterschied zwischen Karzinomgewebe und Krebsgewebe?
DR. OSIEKA : Nein, dies sind nur verschiedene Ausdrücke für das gleiche Phänomen.
anonym : Ist der PSA-Wert der einzige sichere Indikator, dass was nicht in Ordnung ist? Umgekehrt: Ist alles in Ordnung, wenn der niedrig ist?
DR. OSIEKA : Es kommt nicht unbedingt auf die absolute Höhe des PSA-Wertes an, wenn der Wert im Rahmen, d. h. bis 15, ist. Es kommt mehr auf die PSA-Veränderung in der Zeiteinheit an (PSA-Velocity). Dies ist auch der Grund, warum Reihenuntersuchungen des PSA-Wertes keine sinnvolle Vorsorge darstellen. Es kommt mehr darauf an, jährlich den PSA-Wert untersuchen zu lassen. Falls es hier zu einem signifikanten Anstieg kommt, ohne Nachweis einer Entzündung oder Reizung der Prostata, ist eine Krebsgefahr gegeben und weitere Untersuchungen sind nötig. Es gibt in der Tat Prostatakrebse bei PSA-Werten unter 2.
Ipach : Im Internet habe ich recherchiert, dass die Perspektive bei Prostatakrebs nicht gut ist. Ich habe jetzt knapp drei Jahre Zoladex von Astrazeneca bekommen. Da habe ich mich nach anfänglichen Schwierigkeiten ganz gut gefühlt. Aber jetzt ist das PSA wieder gestiegen. Wie geht das eigentlich trotz Medikament? Mein Arzt sagt, das sei kein gutes Zeichen. Bin ziemlich mutlos und habe Angst, was jetzt kommt. Was sagt der erfahrene Experte, kann er eine Einschätzung wagen?
DR. OSIEKA : Bei einer antihormonellen Therapie, z. B. mit Zoladex, verändern sich in der Prostatazelle mit den Jahren die Hormonrezeptoren und es verändern sich auch die Wachstumsfaktoren in diesen Zellen. Es kommt dabei zu den verschiedensten Veränderungen und Vermehrungen der Rezeptoren und Faktoren, so dass schließlich in zwei Drittel aller Fälle die normale antihormonelle Therapie an ihre Grenzen stößt. In diesen Stadien der Erkrankung versucht man mit intensiveren oder alternativen antihormonellen Therapien weiterzukommen. Z. B. gibt man zusätzlich zu dem Zoladex ein Anti-Androgen. Bei weiterem Anstieg des PSA-Wertes setzt man das Anti-Androgen auch wieder ab und auch dann kann es auch wieder zu einer Senkung des PSA-Wertes kommen. Leider sind in dieser Phase der Erkrankung bei fehlendem Metastasennachweis bisher keine zugelassenen und etablierten Therapien vorhanden. Es wird daran zur Zeit intensiv gearbeitet. Es gibt allerdings einige nicht zugelassene Therapien, die auch von den Kassen nicht bezahlt werden, wie z. B. eine Ãstrogentherapie oder eine Therapie mit Ketokonazol. Dies sind die nächsten Schritte, die bei Ihnen jetzt diskutiert werden müssen.
Dietrich : Ab wann ist Prostata-Vorsorge eine Kassenleistung?
anonym : Was gehört zu einer Prostatakrebs-Vorsorge-Untersuchung alles dazu?
DR. OSIEKA : Zu Dietrich: Die Prostatavorsorgeuntersuchung ist eine jährliche Untersuchung ab dem 45. Lebensjahr. Sie beinhaltet Fragen zum Wasserlassen und die Prostata wird abgetastet. Weitere Untersuchungen, wie PSA-Messung und ein transrektaler Ultraschall sind keine Kassenleistungen. Ich möchte noch einmal betonen, dass es bei diesen Untersuchungen vor allem auf die Regelmäßigkeit und dass aus Sicht der Urologen weltweit die PSA-Untersuchungen dazu gehören sollten.
DR. OSIEKA : Bei der heutigen Sprechstunde wurden viele Fragen zum fortgeschrittenen Prostatakarzinom gestellt. Es werden in Deutschland auch immer mehr Prostatakarzinome gefunden. Positiv ist jedoch zu vermerken, dass heute schon über 80 % der Patienten, die operiert werden, ein örtlich begrenztes Karzinom haben, also größte Heilungsaussichten haben. Vor wenigen Jahren betrug die Rate der kleinen Prostatakrebse nur 30 bis 40 %. Wir haben durch die konsequenten Vorsorgeuntersuchungen schon einiges erreicht. Die Hormontherapie mit relativ schonenden Medikamenten hat auch bei fortgeschrittenen Krebsen für lange Zeiten von Symptomfreiheit gesorgt. Selbst bei Versagen der Hormontherapie gibt es heute Therapieverfahren, die sowohl symptomlindernd als auch lebensverlängernd wirken. Die Aussichten für die nächsten Jahre versprechen weitere Fortschritte. So sind wir hier auf gutem Wege! Ich danke Ihnen noch einmal für die vielen interessanten Fragen und wünsche Ihnen einen schönen Abend!
Ende der Sprechstunde.