Neutropenie mit Fieber: eine schwerwiegende Nebenwirkung verhindern, aber wie?

Universitätsklinikum Düsseldorf
Priv.-Doz. Dr. med. Guido Kobbe
Oberarzt der Klinik für Hämatologie, Onkologie und klinische Immunologie
Moorenstr. 5
40225 Düsseldorf

Tel.: 02 11 / 811 77 34 od. -85 24
Fax: 02 11 / 811 85 22

E-Mail: Kobbe@med.uni-duesseldorf.de

Schwerpunkte:

• Therapie von Patienten mit Multiplem Myelom, Non-Hodgkin Lymphomen,
sowie akuten und chronischen Leukämien
• Autologe und Allogene Knochenmark- und Blutstammzelltransplantation

PROTOKOLL

20.10.2008

Neutropenie mit Fieber: eine schwerwiegende Nebenwirkung verhindern, aber wie?

DR. KOBBE: Wir beginnen um 19 Uhr.

DR. KOBBE: Bitte senden Sie uns weiterhin Ihre Fragen zur Vorsortierung zu. Ab 19 Uhr wird das Live-Team von www.experten-sprechstunde.de Ihre Fragen live zulassen.

Rainer H. : Meine Oma hat Leukomie und wird an einer Uniklink behandelt. Die Ärzte sagen, dass es keinen Sinn macht nach jeder Chemotherapie GCSF zu geben, da es ausserdem zu teuer sein. Was kann ich tun? Meine Oma hatte nach der ersten Chemo schwere Lungenentzündung!

DR. KOBBE: Ich wünsche Ihnen allen erst einmal einen schönen guten Abend und beginne dann auch jetzt direkt mit der Beantwortung der ersten Frage! Prinzipiell kann man natürlich nach jeder Chemotherapie G-CSF einsetzen. Es handelt sich dabei allerdings um ein Medikament, was das Zelltief nur um wenige Tage verkürzen kann. Je nach dem, um was für eine Leukämie es sich handelt, ist der Einsatz dieses Medikamentes mehr oder weniger sinnvoll. Es ist sehr häufig, dass gerade während des ersten Chemotherapieblocks schwere infektiologische Komplikationen, wie z. B. eine Lungenentzündung auftreten. Wenn die Chemotherapie allerdings gewirkt hat, sind die nachfolgenden Zyklen oft sehr viel besser verträglich. Es ist deshalb sinnvoll, den Einsatz von G-CSF mit dem behandelnden Arzt zu besprechen.

Ludelt (Wien) : Was ist eigentlich genau eine Neutropenie. Ist da immer Fieber mit dabei?

DR. KOBBE: Die Neutropenie ist eine Verminderung der neutrophilen Granoluzyten im Blut. Es handelt sich dabei um bestimmte Abwehrzellen, die vor allem Bakterien und Pilze gut bekämpfen können. Gesunde haben davon mehr als 2.000 pro Mikroliter Blut. Nach einer Chemotherapie kommt es oft dazu, dass diese Zellen unter einem Wert von 1.000 oder sogar 500 pro Mikroliter fallen. Deshalb besteht in dieser Situation eine erhöhte Infektionsgefahr. Nach einer gewissen Zeit steigen diese Zellen dann in der Regel wieder auf normale Werte an. Wenn während dieses Zelltiefs Fieber auftritt, ist das meist Zeichen einer Infektion und wird mit dem medizinischen Ausdruck neutropenes Fieber oder Fieber in der Neutropenie benannt.

anonym : Mein dreizehn Jahre alter Sohn erhält jeden Tag eine Neupogen-Spritze. Beim googeln bin ich drauf gekommen, dass das eigentlich für Erwachsene ist. Oder hat sich da was geändert. Manchmal ist das ja so. Gibt es auch eine Kinderversion? Wovon hängt ab, wie lange er die bekommt?

DR. KOBBE: Neupogen ist ein Medikament, welches ein Hormon beinhaltet, das die körpereigene Bildung von Granoluzyten stimuliert. Es wurde bereits in den 80er Jahren entdeckt und mittlerweile seit vielen Jahren bei Erwachsenen und auch Kindern eingesetzt. Die Dosierung erfolgt je nach Körpergewicht, deshalb erhalten Kinder in der Regel weniger als Erwachsene. Das Medikament wird von Ärzten in der Regel solange gegeben, bis sich die Zellwerte wieder erholt haben.

bortom : guten abend herr dr. kobbe, können sie mir sagen, ob ich im zelltief und mit mundschleimhautentzündung küssen darf? danke schön im voraus!

DR. KOBBE: Der größte Anteil von Infektionen, die während des Zelltiefs auftreten, wird von Bakterien verursacht, die den Patienten bereits besiedelt haben. Wichtig sind da insbesondere die Darmbakterien. Natürlich sollte während des Zelltiefs ein gewisser Schutz vor Infektionen gegeben sein. Es ist jedoch nichts gegen einen familiären engen Kontakt, z. B. zwischen Eltern und Kindern oder auch Lebenspartnern einzuwenden, solange der jeweilige Partner keine aktive Infektion hat.

Chris_Wolf_1 : Wie weit müssen die Granulozyten runtergehen, dass das als Neutropenie eingestuft wird?

DR. KOBBE: In der medizinischen Klassifikation der Neutropenie spricht man von Grad IV (dies ist der höchste Schweregrad), wenn die neutrophilen Granulozyten unter 500 pro Mikroliter fallen. Eine leichtgradige Neutropenie liegt jedoch schon vor, wenn die Granulozyten unter 1.500 bzw. unter 1.000 pro Mikroliter fallen.

Ditte : Ich sorge dafür, dass mein Mann jeden Tag Fieber misst, weil man uns gesagt hat, dass Fieber in Verbindung mit zu wenig weißen Blutkörperchen ganz gefährlich sei. Mein Mann hat ständig fallende Granu-Werte. Gegenwärtig sind die bei ca. 2500. Bekommt man dann automatisch Fieber, wenn das noch weiter runter geht?

DR. KOBBE: Erniedrigte Granoluzyten erhöhen nur die Wahrscheinlichkeit für eine Infektion und Fieber ist dann ein Zeichen dafür, dass sich der Körper gegen Krankheitserreger wehrt. Das ist deshalb wichtig, weil die Fähigkeit des Körpers, sich gegen Infektionen zu wehren, eingeschränkt ist, wenn die Granulozyten erniedrigt sind. Deshalb ist es wichtig, dass man in dieser Situation früher Antibiotika gibt als bei gesunden Menschen.

Faustyna : Kann man nicht ein Medikament direkt in den Tumor spritzen? Müsste bei Brustkrebs doch gut von außen gehen. Das macht doch sonst alles keinen Sinn, wenn da nur geringe Konzentrationen in den Tumor kommen auf dem Weg durch den ganzen Körper.

DR. KOBBE: Wenn man ein Medikament direkt in den Tumor spritzt, erreicht man nur sehr wenige Zellen des Tumors. Da jedoch Tumoren gut durchblutet sind, kommt ein Medikament, welches mit dem Blutstrom transportiert wird, in der Regel sehr viel besser an die Tumorzellen. Darüber hinaus sind Tumorzellen sehr oft schon weit im Körper ausgebreitet, auch wenn man an einer Stelle nur einen sehr kleinen Primärtumor diagnostiziert. Medikamente, die über den Blutstrom gegeben werden, können dann auch diese, zum Teil weit verstreuten Zellen, gut erreichen. Deshalb gibt es nur ganz wenige Situationen, in denen es vorteilhaft ist, ein Medikament direkt in den Tumor zu spritzen.

Jupp : Meine Frau hat eine weiter aufbauende Neutropenie, die jetzt gesondert behandelt werden soll mit Peckfilgastrin. Da muss auch wirklich was passieren, weil sie ständig krank ist. Mache mir aber jetzt erhebliche Sorgen, ob ein weiteres Medikament nicht auch Auswirkungen auf den Verlauf der Chemo hat(?FU + noch ein Medikament). Ist das ausreichend erforscht, wie diese vielen Substanzen aufeinander reagieren?

DR. KOBBE: Bei dem Medikament Pegfilgastrin handelt es sich um ein neuartiges G-CSF, welches im Gegensatz zu den anderen Präparaten nur einmal nach der Chemotherapie gespritzt werden muss. Es bleibt dann solange im Körper aktiv, bis die Granulozyten wieder auf normale Werte angestiegen sind. Weitere Auswirkungen sind recht gut erforscht und beschränken sich, wie bei den anderen Präparaten, meistens auf Muskel- und Gliederschmerzen. Die meisten Patienten vertragen diese Medikamente sehr gut. Diese Wachstumsfaktoren werden immer nach der Chemotherapie gegeben, so dass es mit diesen nicht zu einer Kreuzreaktion kommt.

Maschke : Welche Bedeutung haben Granulozyten?

DR. KOBBE: Granulozyten sind ein wichtiger Teil der Immunabwehr. Sie bekämpfen vor allem Pilze und Bakterien. Der Körper produziert täglich sehr viele dieser Zellen, weil die Lebensdauer eines Granulozyten nur einige Stunden beträgt. Wird nun die Bildung dieser Zellen durch eine Chemotherapie behindert oder unterbrochen, kommt es zu einem Mangel dieser Zellen im Blut und in den Organen. Dann können ansonsten harmlose Bakterien, wie z. B. Darm- oder Hautbakterien, schwere Infektionen verursachen.

anonym : Was versteht man unter absoluten Granulozyten?

DR. KOBBE: Im normalen Blutbild werden nur die Gesamtleukozyten gemessen. Im Differenzialblutbild wird dann der prozentuelle Anteil der Granulozyten und anderer Blutzellen bestimmt. Als Granulozyten absolut wird dann der absolute Anteil, d. h. die Menge der Granulozyten pro Mikroliter, bezeichnet.

Astrid : Wie gefährlich ist eine Neutropenie?

DR. KOBBE: Prinzipiell birgt eine Neutropenie immer eine erhöhte Infektionsgefahr. Es gibt jedoch viele Patienten, die eine Neutropenie völlig unbeschadet überstehen. Eine Neutropenie ist immer dann gefährlich, wenn sie sehr lange dauert. Oder zusätzliche Risikofaktoren für eine Infektion bestehen. Dies kann z. B. eine starke Schleimhautentzündung oder auch eine Behandlung mit Cortison oder anderen immunschwächenden Medikamenten sein. Eine Infektion, die während einer Neutropenie auftritt, sollte immer sehr ernst genommen werden, weil sie sich in kurzer Zeit im ganzen Körper ausbreiten und unter Umständen auch lebensgefährlich sein kann.

Denise Hackmann : Sehr geehrter Herr Dr. Kobbe, vor 13 Jahren wurde bei meinem Mann eine aplastische Anämie diagnostiziert. Er war jahrelang mit seinen Werten stabil, bis er Anfang dieses Jahres aufgrund einer Thrombozytopenie eine Gehirnblutung bekam. Wochenlang Koma, Reha usw. Durch die vielen Psychopharmaka sind seine Neutrohphilen dermaßen im Keller. Obwohl er ruhig ist, will man ihm Mirtazepin nicht ausschleichen. Ich selbst habe mehrere Studien gelesen, in denen stand, dass gerade Mirtazepin bei monatelanger Einnahme alle drei Blutreihen verschlechtert, insbesondere die Neutrophile. Ich selbst schleiche jetzt heimlich dieses Medikament aus, nun hat er wenigstens wieder Leukos um die 1,2 und Neutrophile zwischen 500 und 1000. Was kann ich tun, Ernährung und auch sonst, damit diese wieder steigen -Neupogen will man nicht spritzen - und was soll ich tun, wenn er Fieber usw. bekommt? Welche Medikamente, Antibiotika darf er nehmen, welche nicht. Meine Erfahrung ist, dass die Hausärzte über diese Krankheit so wenig wissen, dass nicht nicht darauf achten, was sie verschreiben. Über eine Antwort wäre ich sehr dankbar, denn ich habe auch sehr große Angst. Mit freundlichen Grüßen Denise Hackmann

DR. KOBBE: Es ist richtig, dass einige Medikamente, die auf das Nervensystem wirken, negative Einflüsse auf die Blutbildung haben können. Im Einzelfall muss dann der behandelnde Arzt abwägen, ob dieses Risiko gerechtfertigt ist. Wenn Ihr Mann an einer aplastischen Anämie erkrankt ist, ist es sicherlich sinnvoll, wenn er in regelmäßiger Kontrolle bei einem Hämatologen ist, d. h. bei einem Facharzt, der sich sehr gut mit Bluterkrankungen auskennt. Obwohl ich Ihre Bedenken sehr gut verstehe, halte ich es für bedenklich, wenn Sie Medikamente ohne Rücksprache mit den behandelnden Ärzten verändern. Ich würde statt dessen versuchen, Ihre Sorgen mit dem behandelnden Arzt zu besprechen und unter Umständen eine zweite Meinung einholen. Dies kann aber leider nicht über das Telefon oder das Internet erfolgen, da die Erkrankung im Fall Ihres Mannes sehr komplex ist, was eine eingehende Beschäftigung mit der Krankheitssituation erfordert.

Conny H. : Mein Sohn hatte vor 3 Jahren Knochenkrebs im Bein, OP+Chemo. Das hat ihn total geschlaucht. Meine Schwester hatte Brustkrebs und nach Beginn der Chemo ein Medikament bekommen, damit sie wieder besser auf die Beine kommt, wegen Blutzusammensetzung. Jetzt hat Mein Sohn ein Rezidiv und wir haben gefragt, ob er nicht auch dieses aufbauende Medikament bekommen kann. Aber der Onkologe hat abgewunken, weil er erst 17 Jahre ist. Warum?

DR. KOBBE: Das Alter ist eigentlich keine ausreichende Begründung für oder gegen die Gabe von Wachstumsfaktoren für Blutzellen. Es hängt vielmehr davon ab, wie stark die Chemotherapie ist und mit welcher Wahrscheinlichkeit eine schwere Neutropenie auftritt. Erwartet man eine länger andauernde Neutropenie, so wird auch bei Kindern und Jugendlichen die Gabe von G-CSF empfohlen. Im Einzelfall kann es sein, dass es Argumente gegen die Gabe dieses Medikamentes gibt. Dies müsste Ihnen dann vom behandelnden Onkologen erklärt werden.

Claas : Was ist besser bei Übelkeit durch Neupogen, Kytril, Navoban oder Palonosetron o.ä.?

DR. KOBBE: Neupogen ist der Handelsname für ein G-CSF-Präparat. Es verursacht nur sehr selten Übelkeit. Wahrscheinlicher ist, dass die Übelkeit z. B. von einer vorausgegangenen Chemotherapie verursacht wurde. Zur Behandlung dieser Übelkeit gibt es verschiedene Substanzen, von denen die von Ihnen genannten eine kleine Auswahl sind. Hier reagiert jedoch jeder Patient individuell. Ich würde deshalb das Problem der Übelkeit mit Ihrem behandelnden Arzt besprechen und gemeinsam mit ihm nach einer individuellen Lösung suchen.

Til : Welche Substanz wirkt besser Pegfilgrastim oder Filgrastim?

DR. KOBBE: Diese Frage ist schwierig zu beantworten. Bei Pegfilgrastim handelt es sich um ein etwas verändertes Filgrastim, welches länger im Körper bleibt und deshalb nur einmal nach der Chemotherapie gespritzt werden muss. Im Gegensatz dazu muss Filgrastim täglich appliziert werden. Dies kann Vor- und auch Nachteile haben. Wir handhaben es so, dass wir Pegfilgrastim einsetzen, wenn zu erwarten ist, dass ansonsten länger als eine Woche Filgrastim gespritzt werden müsste. Es kann jedoch sein, dass der einzelne Patient das eine oder das andere Medikament besser verträgt. Deshalb empfehlen wir, auf das andere Medikament zu wechseln.

Schreier : Hat eine Neutropenie wenn Fieber dabei ist auch Auswirkungen auf die Nieren und verhindert Neupogen da etwas an den Ausscheidungen? Das macht uns jetzt zusätzlich große Sorge, damit unser Junge nicht gleich ins nächste große Problem gerät. Was hat es damit auf sich, oder haben wir das nur falsch gefiltert aus den vielen Informationen, die man uns gegeben hat. Ganz wichtig ist, wir fühlen uns sehr gut betreut und beraten, aber dieser Punkt ist noch nicht ganz klar.

DR. KOBBE: Die Neutropenie selbst hat keinen Einfluss auf die Nierenfunktion. Es kann jedoch sein, dass die Nierenfunktion sich verschlechtert, wenn in der Neutropenie eine schwere Infektion auftritt. Neupogen wird gegeben, um die Neutropenie möglichst kurz zu halten und so das Risiko für schwere Infektionen zu verhindern. Auswirkungen auf die Niere hat dieses Medikament nicht.

Mannek : Meine Frau hat Darmkrebs und soll 6xChemo + Avastin bekommen. Ich kenne mich ganz gut aus mit Recherche im Internet und finde zu Risiken solcher schweren Behandlung u.a. Neutropenie. Wie hoch ist die Chance daran zusätzlich zu erkranken?

DR. KOBBE: Die Neutropenie ist in diesem Fall keine eigenständige Krankheit, sondern tritt mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit als Nebenwirkung der Chemotherapie auf. Wir groß diese Wahrscheinlichkeit ist, hängt zum einen von den verwendeten Chemotherapeutika, zum anderen aber auch von Patientenfaktoren, wie z. B. Alter, Nierenfunktion und anderen ab. Ihr Arzt wird die Wahrscheinlichkeit der Neutropenie vor der Chemotherapie abschätzen und Ihnen unter Umständen ein Medikament (G-CSF) zur Verringerung dieser Wahrscheinlichkeit verschreiben. Deshalb halte ich es für sinnvoll, wenn Sie Ihre Bedenken noch einmal mit Ihrem behandelnden Arzt besprechen.

Lieder : Unser Vater hat ein akutes NHL mit allen Beschwerden, die durch die Chemotherapie ausgelöst werden. Schleimhaut löst sich im Mund, er kann kaum essen, aber die größte Sorge ist die Neutropenie, obwohl er Neupogen spritzt. Kann das auch mal nicht wirken, oder wirken diese Spritzen immer?

DR. KOBBE: Neupogen ist ein Wachstumsfaktor für weiße Blutzellen (Granulozyten). Er stimuliert das Knochenmark und hilft so dem Körper, schneller mehr Granulozyten zu bilden. Dies verkürzt meistens die Phase der Neutropenie, kann sie aber nicht immer verhindern. Wie stark und wie ausgeprägt die Neutropenie ist, hängt auch von anderen Faktoren ab. Dies ist zum einen die Stärke der Chemotherapie und zum anderen die "Knochenmarkreserve" des Patienten. Wenn z. B. das Knochenmark von Tumorzellen befallen ist, kann gerade bei den ersten Chemotherapie-Zyklen trotz der Gabe von Neutropen eine länger andauernde Neutropenie auftreten. Deshalb sind diese Medikamente auch keine "Versicherung" gegen das Auftreten einer Neutropenie, sondern helfen dem Körper, die Phase der Abwehrschwäche schneller zu überwinden.

Drahteln : Die ersten beiden Zyklen 5FU hat meine Frau gut vertragen. Aber dann kam es Schlag auf Schlag. Jetzt hat meine Frau erst eine beginnende dann eine ?ausgeprägte Neutropenie? in den letzten beiden Zyklen. Der nächste Zyklus soll deshalb erst mal verschoben werden. Das beunruhigt uns sehr und meine Frau will das auch nicht. Sie will voran und durchkommen damit. Alternativ, soll die Dosis verringert werden, was uns genau so viel Angst macht. Wir bitten um einen Vorschlag des Experten. Vielen dank für Ihre Mühe.

DR. KOBBE: In gewissem Sinne zeigt die Stärke der Neutropenie auch die Wirkung der Chemotherapie im Körper an. Wenn es zu einer ausgeprägten Neutropenie gekommen ist, sollte dies bei der Planung der weiteren Chemotherapie berücksichtigt werden. Je nach dem, um welches Chemotherapieprotokoll es sich handelt, kann entweder eine Verschiebung des Zyklus oder eine Dosisreduktion sinnvoll sein. Zusätzlich kann nach der Chemotherapie G-CSF gegeben werden. Es ist nicht sinnvoll, trotz einer schweren Neutropenie unverändert weiter zu behandeln, weil es dadurch zu einer Gefährdung des Patienten kommen kann. Ich empfehle Ihnen deshalb, dem Rat Ihrer behandelnden Onkologen zu folgen, auch wenn es dadurch zu einer Verlängerung der geplanten Therapieintervalle kommen sollte. Es ist meiner Meinung nach nicht sinnvoll, eine Behandlung "übers Knie zu brechen" und damit möglicherweise den Patienten zu gefährden.

Hirte : Meine bisher gesunde, aktive 78jährige Mutter erhält wegen einer NHL eine hocheingreifende Chemotherapie. Jetzt reagiert ihr Blut entsprechend mit falschen Werten bei den weißen Blutkörp. Der Onkologe erwähnte den Begriff Neutropenie. Meine Suche im Internet war erfolgreich, ich habe gefunden, dass es zwei Medikamente gibt, die dagegen Abhilfe schaffen können Neulasta und Neupogen, aber der Onkologe rät davon ab. Ich verstehe das nicht. Die Kosten können es nicht sein, denn die Chemo ist ja bereits sehr, sehr teuer und meine Mutter ist zudem Pirvatpatientin. Warum dann nicht auch so eine sinnvolle Begleittherapie?

DR. KOBBE: Zunächst einmal sollte man herausfinden, ob es sich bei den Blutbildveränderungen Ihrer Mutter um eine schwere Neutropenie handelt. Es kann sein, dass die Veränderung der Blutzellwerte nicht so ausgeprägt ist, dass der Onkologe den Einsatz von G-CSF für notwendig hält. Ich würde Ihnen empfehlen, den Arzt darauf anzusprechen und ihn zu fragen, warum den Einsatz von G-CSF nicht für sinnvoll hält. Es gibt durchaus Chemotherapieprotokolle zur Behandlung von NHL, bei denen die Gabe von G-CSF nicht notwendig ist.

MODERATOR: Der Experte macht eine kurze Pause. Die Beantwortung Ihrer Fragen setzen wir in wenigen Minuten fort.

anonym : Wovon hängt ab, wann der optimale Zeitpunkt für die Wachstumshormone fürs Blut ist?

DR. KOBBE: In der Regel wird G-CSF einen bis sechs Tage nach der Chemotherapie gegeben. Es gibt Untersuchungen, die zeigen, dass es je nach dem, welche Erkrankung vorliegt und welche Chemotherapie appliziert wurde, sinnvoll sein kann, früher oder etwas später mit der Gabe dieser Medikamente zu beginnen. Insgesamt jedoch, macht es meiner Ansicht nach keinen großen Unterschied, ob das Medikament einen Tag früher oder später begonnen wird.

Kojo : Gibt es evtl. auch einen naturheilkundlichen Ansatz um die neutrophilen Granulozyten zu stimmulieren?

DR. KOBBE: G-CSF ist die Nachbildung eines Hormons, welches natürlicherweise im menschlichen Körper gebildet wird, z. B. wenn eine Entzündung besteht. Die Medikamente, die dieses Hormon nachahmen, haben im Körper eine ähnliche Wirkung wie die natürliche Variante. Andere Mittel, die das Immunsystem stimulieren, wie z. B. Mistel oder ähnliches, sind nicht geeignet, einen verlässlichen Schutz gegen schwere Infektionen in der Neutropenie zu bilden. Sinnvoll ist es allerdings, sich gerade, wenn man an einem Tumor erkrankt ist, gesund und vielseitig zu ernähren und die erforderlichen Mengen an Vitaminen und Spurenelementen in natürlicher Form zu sich zu nehmen.

Clamor : Den Brustkrebs meine ich, zunächst, besiegt zu haben. Ich will da ganz vorsichtig das formulieren. Wer kann das schon endgültig sagen??? Wichtig wäre mir, wenn in meinem Behandlungsteam jemand wäre, der mir zeigt, wie ich wieder Vertrauen in die Heilungskräfte meines Körpers bekomme. Bin sehr schwach und habe sehr oft Erkältungen bis hin zu Bronchitis, neulich Blasenentzündung. Ich habe mich immer als unverwundbar gefühlt mit einer bärenstarken Gesundheit und Kondition. Aber jetzt ist das anders. Da ist aber keiner, der mir in dieser Richtung hilft. An wen kann ich mich wenden?

DR. KOBBE: Aus Ihrer Frage schließe ich, dass Sie zum einen noch unter Folgen der Therapie, wie z. B. gehäuften Infektionen und einer gewissen Schwäche und Abgeschlagenheit leiden, zum anderen aber auch eine mentale Unterstützen brauchen, um das alte Vertrauen in sich selbst wieder zu gewinnen. Dies ist ein Prozess, der sicherlich nicht einfach ist und über längere Zeit andauern wird. Genauso wenig, wie es das Allheilmittel gegen den Brustkrebs gibt, gibt es auch kein sicheres Rezept, wie Sie dieses Vertrauen wieder gewinnen können. Bewährt haben sich Ansätze, die sowohl eine medizinische als auch eine psychologische Betreuung vereinen. Dies wird z. B. in vielen Rehabilitationskliniken praktiziert. Ich empfehle Ihnen, sich mit dieser Frage an Ihren behandelnden Arzt zu wenden, er möglicherweise einen Kontakt zu einer Rehabilitationsklinik herstellen kann. Dies kann auch ambulant erfolgen und ist oft der erst Schritt zu einer Eigeninitiative, die Sie letztendlich wieder zu Ihrem alten Vertrauen in sich selbst zurückfinden lassen kann.

Nagels : Neupogen soll ja die Neubildung weißer Zellen im Blut fördern. Aber wird damit nicht auch allgemeines Zellwachstum gefördert, sprich Metastasen? Ich habe Angst vor der Spritze und will das eigentlich gar nicht.

DR. KOBBE: Neupogen ist der Handelsname für G-CSF, ein Hormon, welches sehr spezifisch an einen Rezeptor auf weißen Blutzellen bindet. Es konnte bisher nicht gezeigt werden, dass die Gabe von G-CSF das Wachstum von Metastasen fördert. Es ist sogar so, dass dieses Medikament gefahrlos bei manchen Leukämiearten eingesetzt werden kann, bei denen auch auf den Leukämiezellen G-CSF-Rezeptoren zu finden sind. Die Sorge, dass Neupogen die Metastasierung eines Tumor fördern oder beschleunigen könnte, ist von einem wissenschaftlichen Standpunkt her unbegründet. Es kann aber auch sein, dass man prinzipielle Bedenken gegen ein Medikament hat, die sich mit wissenschaftlichen Gründen nicht unbedingt erklären lassen. In dieser Situation sollte dann unter Umständen auf die Gabe dieses Medikaments verzichtet werden, wenn es nicht triftige Gründe für dessen Einsatz gibt. Wahrscheinlich ist es am besten, wenn Sie diese Bedenken noch einmal mit Ihrem Onkologen besprechen.

Janne : Kann die Neutropenie-Phase nach der Übertragung von Stammzellen durch Wachstumshormone verkürzt werden?

DR. KOBBE: Sie meinen mit Ihrer Frage wahrscheinlich die schwere Neutropenie, die nach einer Hochdosis-Chemotherapie mit anschließender Rückgabe autologer Blutstammzellen verbunden ist. In dieser Situation kann die Gabe von G-CSF die Neutropenie-Phase um drei bis fünf Tage verkürzen und wird deshalb von den europäischen und amerikanischen Hämatologen-Verbänden empfohlen. Es konnte bisher nicht gezeigt werden, dass diese Maßnahme die Überlebenschancen der Patienten verbessert, aber es kam zu einer Reduktion der Fieberepisoden und des Auftretens schwerer Infektionen.

Söylem : Ich bekam nach dem 4. Zyklus Chop eine Neutropenie. Da war der Arzt im onkologischen Zentrum in dem ich in Frankfurt behandelt werde überrascht und meinte, das sei ungewöhnlich. Wenn das nicht gleich zu Anfang auftritt käme das nicht mehr. Zeigt sich eine Neutropenie immer durch Fieber? Das verunsichert mich jetzt. Ist das insgesamt ein schlechtes Zeichen?

DR. KOBBE: Es stimmt, dass Neutropenien am häufigsten in den ersten Chemotherapiezyklen auftreten. Es kann aber auch sein, dass diese erst im Verlauf der Behandlung eintreten, was insgesamt seltener ist. Die Neutropenie selbst ist nicht immer mit Fieber verbunden. Es ist nur so, dass die Neutropenie die Wahrscheinlichkeit einer Infektion und damit für Fieber erhöht. Das braucht Sie in dieser Situation nicht zu verunsichern, denn eine Neutropenie ist nach dem CHOP-Protokoll relativ häufig. Sie sollten allerdings sicherstellen, dass in den folgenden Zyklen regelmäßige Blutbildkontrollen durchgeführt werden und im Falle von Fieber sofort Ihren Arzt kontaktieren. Dieser wird dann die entsprechenden Behandlungsmaßnahmen einleiten.

V_Broer : Bin ich bei 14.000Gr.zt auch durch Zugluft o.ä. gefährdet wegen Lungenentzündung, oder muss mich da jemand anhusten?

DR. KOBBE: 14.000 Granulozyten pro Mikroliter sind eher hohe Werte. Der Normalbereich liegt etwa zwischen 2.000 bis 6.000 Granulozyten pro Mikroliter. Eine Lungenentzündung kann natürlich auch trotz ausreichender Zellwerte auftreten. Die Besonderheit bei Patienten, die eine Neutropenie haben, ist, dass bereits sehr kleine Mengen von Krankheitserregern ausreichen, um eine Infektion hervorzurufen. Ein Großteil der Infektionen geht dabei von Krankheitserregern aus, die den Körper des Patienten besiedeln. Natürlich besteht ein zusätzliches Risiko, wenn sich ein derartig gefährdeter Patient in einer Umgebung aufhält, wo sehr viele Krankheitserreger zu finden sind. Deshalb wird Patienten mit Neutropenie auch geraten, z. B. öffentliche Veranstaltungen und andere Orte mit größeren Menschenansammlungen zu meiden. Diese Vorsichtsmaßnahmen können helfen, während der Neutropenie die Wahrscheinlichkeit für eine Infektion weiter zu verringern.

Zessy : meine mum hat ihre 4.chemo hinter sich, erst ging es ihr gut. aber sie hat vor ein paar tagen, neupogen bekommen, da sie zu wenig weisse blutkörperchen hatte. Jetzt ist sie ganz kraftlos und schläft ständig. Wir sind beunruhigt, ist das normal?

DR. KOBBE: Wenn ein Patient nach einer Chemotherapie kraftlos ist und unter großer Müdigkeit leidet, so kann das verschiedene Ursachen haben. Zum einen können es noch Auswirkungen der Medikamente sein, zum anderen kann es sich auch um eine Verringerung des roten Blutfarbstoffes, des Hämoglobins handeln. Dies kann durch eine Blutuntersuchung festgestellt werden. Darüber hinaus gibt es noch andere Ursachen, die diese Verschlechterung des Allgemeinzustandes zur Folge haben können. Das kann eine reduzierte Nahrungs- oder Flüssigkeitsaufnahme ebenso sein wie eine beginnende Infektion. Wenn sich der Zustand Ihrer Mutter in den letzten Tagen deutlich verschlechtert hat, würde ich Ihnen raten, direkt morgen darüber mit dem betreuenden Arzt zu sprechen.

Rathje : Macht es Sinn schon vor der Stammzelltransplantation auf einen guten G-Wert zu achten, evtl. ?vorbeugend? hochzufahren, damit sich das hinterher wieder besser regeneriert? Erinnert sich das Knochenmark evtl. daran, klingt komisch, aber bei manchen Körperfunktionen ist das ja so z.B. beim Schmerz.

DR. KOBBE: Wahrscheinlich meinen Sie mit G-Wert die Granulozyten. Es konnte bisher nicht gezeigt werden, dass es sinnvoll ist, diese vor einer Stammzelltransplantation "hochzufahren". Das liegt daran, dass Granulozyten in der Regel nur wenige Stunden leben und auch bei einer erhöhten Anzahl die Werte nach der Hochdosis-Chemotherapie sehr rasch auf Null abfallen. Entscheidend für die Regeneration nach der Stammzelltransplantation ist, dass eine ausreichende Menge von Stammzellen zurückgegeben wird und unter Umständen zusätzlich G-CSF zur Beschleunigung der Regeneration eingesetzt wird.

Kaufhold : Wie überwindet man die Hemmung, sich selbst eine Spritze zu setzen? Auch meine Frau schafft das nicht, mir die Neupogenspritze zu geben. Wäre aber schon alles viel einfacher, wenn das ginge. Augen zu und durch klappt leider nicht.

DR. KOBBE: Es gibt einige Menschen, die trotz vieler Versuche große Hemmungen haben, sich selber eine Spritze zu geben. Eine mögliche Lösung ist, dass Sie dies gemeinsam mit Ihrem Arzt oder einer Arzthelferin üben. Wichtig ist zu wissen, dass man eigentlich nichts falsch machen kann. Wenn es trotz aller Übungen nicht geht, so ist vielleicht die Gabe von Pegfilgastrin anstelle von Neupogen sinnvoll, weil dieses Medikament nur ein einziges Mal nach der Chemotherapie gegeben werden muss.

Kloster : Mir wurde gesagt, dass unsere Tochter auf einer Isolierstation liegen wird mit höchstem Vorsichtsstandard, damit sie keine Infektion bekommt in der ersten kritischen Zeit. Das beruhigt uns sehr. Ferner haben wir verstanden, dass sie keine eigenen Abwehrkräfte mehr hat, dass die sich aber wieder aufbauen. Uns wurde auch gesagt, dass das zusätzlich unterstützt wird mit Medikamenten. In einem Faltbaltt steht etwas von Neutropenie. Es waren insgesamt viele Informationen trotzdem und uns ist nicht wirklich klar, wie lange diese Phase dauert, wann das Risiko abnimmt, wie das durch die Medikamente unterstützt wird?

DR. KOBBE: Aus Ihrer Frage geht nicht hervor, welche Erkrankung Ihre Tochter hat und welche Behandlung vorgesehen ist. Da Sie auf eine Isolierstation aufgenommen wird, nehme ich jedoch an, dass es sich um eine Knochenmark- oder Blutstammzelltransplantation handelt. Es ist richtig, dass in diesem Fall eine Phase besteht, in der der Patient gegenüber Krankheitserregern stark geschwächt ist und deshalb geschützt werden muss. Dieser Schutz beinhaltet einerseits, dass durch die Isolation die Menge an von außen eingebrachten Krankheitserregern minimiert wird. Andererseits - und wahrscheinlich viel wichtiger - sind die Krankheitserreger, die den menschlichen Körper bereits besiedelt haben. Um gegen diese besser gewappnet zu sein, werden meistens prophylaktisch Medikamente gegen Bakterien, Pilze und Viren verabreicht. Wie lange diese Phase andauert, hängt sehr stark von der Art der Transplantation ab. In der Regel ist es jedoch so, dass nach zwei bis drei Wochen eine gewisse Abwehrkraft wieder erreicht wird. Trotzdem besteht die Immunschwäche noch über einen längeren Zeitraum. Deshalb werden in der Regel auch die prophylaktischen Medikamente noch länger verabreicht. Ich bitte Sie um Verständnis, dass ich wegen der Kürze der Zeit nicht auf weitere Details eingehen kann.

Sab_Moder : Ich hatte nach Brust-OP einen Zyklus von 6 Chemotherapien das war mit einer ganz schweren Zeit verbunden nicht nur wegen der Chemo, aber ich hatte ständig irgendwelche Infektionen. Dieses Mal kriege ich gleich Wachstumshormone für mein Immunsystem. Wie erträgt der Körper, eine Mischung aus allen möglichen Medikamenten? Wie finden die Stoffe den richtigen Weg um Heilung auf den Weg zu bringen?

DR. KOBBE: Die Wachstumshormone werden mit dem Blutstrom im ganzen Körper verteilt und binden an spezielle Rezeptoren im Knochenmark. Dort führen sie zu einer Stimulation der Blutbildung. Dies ist ein Wirkmechanismus, wie er auch im normalen, gesunden Organismus besteht. Es ist z. B. mit der Gabe von Insulin vergleichbar. Bei der gleichzeitigen Verabreichung mehrerer Medikamente besteht natürlich prinzipiell die Möglichkeit, dass diese untereinander unerwünschte Wechselwirkungen haben. Damit dies nicht geschieht, wird Ihr behandelnder Onkologe die Medikamente sorgfältig auswählen und in ihren Auswirkungen aufeinander abstimmen.

Icel : Uns wurde gesagt, dass diese schwierige Zeit nach der Stammzell-Transplantation wenn da eine Neutropenie ist verkürzt wird durch Medikamente. Um wie viel verkürzt sich diese Zeit?

DR. KOBBE: G-CSF kann die Dauer der Neutropenie nach einer Stammzelltransplantation im Durschnitt um etwa drei bis fünf Tage verkürzen.

NBöttger : Unsere erwachsene Tochter (27 Jahre) leidet nach einer Stammzelltransplantation an neutropenischem Fieber und starkem Hautausschlag. Das macht uns große Angst. Wir glauben, dass die Ärzte uns nicht die Wahrheit sagen über ihren Zustand. Wie lange hält das an?

DR. KOBBE: In der neutropenischen Phase nach einer Stammzelltransplantation tritt sehr oft Fieber auf. Das liegt daran, dass meist nicht nur die Granulozyten vermindert sind, sondern durch die hochdosierte Chemotherapie auch die Schleimhäute stark geschädigt werden und dadurch der Eintritt für Krankheitserreger erleichtert wird. Dieses Fieber wird dann rasch mit sehr starken Antibiotika und zum Teil auch Antimykotika (Medikamente gegen Pilze) behandelt. Meistens kommt es dann nach einiger Zeit zu einer Verbesserung des Allgemeinzustandes. Es kann jedoch auch sein, dass das Fieber über mehrere Tage anhält. Der von Ihnen beschriebene Hautausschlag ist auch eine häufige Komplikation. Dabei ist oft nicht klar, ob dieser mit einer Infektion zusammenhängt oder es sich möglicherweise um eine Medikamentenallergie handelt. In der Regel wird diese für Sie jetzt sehr schwierige Phase durch den Wiederanstieg der Granulozyten beendet, weil diese zusammen mit den Antibiotika in der Lage sind, die meisten Infektionen zu heilen.

Ilka : Nach meiner Kenntnis finden die meisten Krebserkrankungen in großen Organen statt und können durch Chirurgie und Strahlen ganz gut behandelt werden. Da gibt es ja auch vorgeschriebene Formen, wie das gemacht werden muss. Gibt es diese Richtlinien auch für Chemotherapie oder Begleitbehandlungen? Gibt es feststehende Standards, woran ich als Patient erkennen kann, ob ich richtig behandelt werde?

DR. KOBBE: Für die meisten Krebserkrankungen gibt es so genannte Leitlinien der Fachgesellschaften. Diese sind leicht über das Internet einzusehen, aber natürlich für den Laien manchmal schwer zu verstehen. Ebenso gibt es für die Begleitbehandlungen Empfehlungen, z. B. der Europäischen Krebsgesellschaft (EORTC). Diese sind ebenfalls über das Internet abruf- und einsehbar. Ich würde Ihnen allerdings empfehlen, zunächst mit dem behandelnden Arzt über die geplante Therapie zu sprechen und etwaige Fragen im persönlichen Gespräch zu klären. Sollten dann immer noch Dinge unklar sein, kann es auch sinnvoll sein, bei einem anderen Arzt eine zweite Meinung einzuholen. Dies wird in der Regel von den Ärzten auch begrüßt, weil das Wichtigste bei einer Krebsbehandlung eine Vertrauensbasis zwischen Arzt und Patient ist. Nur, wenn es gelingt, diese aufzubauen, kann eine zum Teil sehr eingreifende Krebstherapie sinnvoll durchgeführt werden. Dies ist besonders wichtig, weil viele Therapien auch auf die Mitarbeit und Aufmerksamkeit des Patienten angewiesen sind.

DR. KOBBE: Ich bedanke mich für die vielen interessanten Fragen und die rege Teilnahme an dieser Sprechstunde. Hoffentlich konnte ich dem einen oder anderen mit meinen Ausführungen weiterhelfen und Mut für die weitere Behandlung geben. Ich wünsche Ihnen nun noch einen schönen Abend.



Ende der Sprechstunde.