Darmkrebs - Moderne Therapiestandards
Dr. med. Werner Freier
Innere Medizin – Hämatologie- Onkologie - Palliativmedizin Onkologische
Schwerpunktpraxis Hildesheim
Goslarsche Landstr. 19
31137 Hildesheim
Tel.: 05121 / 912914-0
Fax: 05121 / 912924-40
Email dr.freier@onkologie-hildesheim.de
Internet www.onkologie-hildsheim.de
Colon Carcinom
• Mitglied der erw. Leitgruppe der Arbeitsgemeinschaft
• Internistische Onkologie (AIO) der Dt. Krebsgesellschaft (DKG)
Palliativmedizin
• Vorsitzender des Arbeitskreises Palliativmedizin der Deutschen
• Gesellschaft für Hämatologie und Onkologie (DGHO)
• Wissenschaftlicher Beirat der Akademie für Palliativmedizin u. Hospizarbeit der Ärztekammer Niedersachsen
Palliativmedizinischer Stützpunkt
• anerkannt vom Niedersächsischen Sozialministerium
Sprechstunde
Tel.: 05121 / 912914-0 und 05121 / 912914-40

PROTOKOLL
02.03.2009
Darmkrebs - Moderne Therapiestandards
MODERATOR: Wir beginnen um 19 Uhr.
DR. FREIER: Bitte senden Sie uns Ihre Fragen weiterhin zu, wir beginnen mit der Beantwortung ab 19 Uhr.
Cosmo : Ich mache regelmäßig Vorsorge und alle 5 Jahren eine Koloskopie. Die letzte war vor 10 Monaten. Kann sich innerhalb 10 Monaten nach einer Darmspiegelung ein fortgeschrittener Tumor bilden? Ich kann das nicht glauben!!!
DR. FREIER: Aus Ihrer Frage entnehme ich, dass Sie jetzt an einem fortgeschrittenen Darmkrebs erkrankt sind und wahrscheinlich vor 10 Monaten die letzte Spiegelung hatten. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass sich ein weit fortgeschrittener Tumor so schnell bildet. Eine Routinedarmspiegelung kann nicht 100 % des Darmes beurteilen, es gibt je nach Verschmutzung Teile des Darmes, die nicht beurteilt werden können. Ich würde annehmen, dass sich in so einer verschmutzten Region schon vor 10 Monaten ein kleiner Tumor verborgen hat.
Mercanglu : Richtet sich die Therapie mit diesem Hemmer (keine Versorgung von Krebszellen) abschneidet auch gegen Metastasen oder nur gegen den Haupttumor?
DR. FREIER: Sie meinen wahrscheinlich den so genannten Angionese-(Neubildung von Blutgefäßen)Hemmstoff Bevacizumab (Avastin). Generell richtet sich eine Chemo-/Immuntherapie gegen alle Krebszellen im ganzen Körper, weshalb diese Therapie auch als Systemtherapie bezeichnet wird.
Bamberg : Bitte sehr darum, diese Frage Dr. Freier zugänglich zu machen. Wie stark abgegrenzt ist der Einsatz von Medikamenten für die einzelnen Erkrankungen. Kann z.B. ein Darmkrebsmittel eingesetzt werden bei Krebs im Bauchfell? Genau das soll nämlich passieren bei meiner Frau. Ich habe mich rundum informiert und ihr davon noch nichts gesagt, dass die vorgeschlagene Therapie (Kombination von Chemo+Avastin) eigentlich bei Darmkrebs eingesetzt wird. Bei Avastin habe ich gesehen, dass das auch noch für ganz andere Krankheiten genommen wird. Da kommt man schon ins Grübeln. MfG.
DR. FREIER: Die von Ihnen angesprochene Problematik des Einsatzes von Medikamenten außerhalb der vorgesehenen Zulassung wird oft Off-Label-Use genannt. Unter bestimmten Voraussetzungen ist Off-Label-Use erlaubt. Zu diesem Thema gibt es zwei Grundsatzurteile der hohen Rechtsprechung. Und zwar das Bundessozialgerichtsurteil vom 19.03.2002 (B1 KR 34/00 R) und das Bundesverfassungsgerichtsurteil vom 06.12.2005. Beide Urteile verlangen für den Off-Label-Use folgende Voraussetzungen: 1. Es handelt sich um eine schwerwiegende Erkrankung, 2. keine andere (zugelassene) Therapie ist verfügbar und 3. aufgrund der Datenlage besteht die begründete Aussicht auf Erfolg der Off-Label-Behandlung. Weitere Informationen finden Sie auch auf www.onkologie-hildesheim.de/177.html
Merrit : Verlangsamt Chemo+Antikörper den Krankheitsverlauf oder kann diese Kombination auch wieder gesund machen?
DR. FREIER: Die Kombination von Chemotherapie und Antikörper ist derzeit nur für die metasasierte Situation zugelassen. Patienten mit Metastasen können leider nicht immer geheilt werden. Oft ist die Zielsetzung dieser Behandlung die Lebensverlängerung. Bei Lebermetastasen ist durch die kombinierte Therapie immer wieder mit einer so genannten sekundären Resektabilität zu rechnen. Das bedeutet, Patienten, die zuvor nicht operiert werden konnten, können dann in Heilungsabsicht operiert werden. Eine kürzlich abgeschlossene Studie testete die Kombination von Chemo + Antikörper in der adjuvanten (prophylaktischen) Situation. Die Ergebnisse dieser Studie werden jedoch noch erwartet.
Sonne : Als betroffener Patienten möchte ich sehr viel lieber Tabletten schlucken, als eine Infusion erhalten. Der Onkologe rät ab. Warum? Gibt es unterschiedlichen Arten von Darmkrebs?
DR. FREIER: Nach meinem Empfinden gibt es zwei Sorten von Patienten, die einen bevorzugen Tabletten (auch wenn es viele sind), die anderen bringen Tabletten nicht herunter. Ich denke, Tabletten- und Infusionstherapie sind ebenbürtig und die Vorliebe des Patienten entscheidet, welche zur Anwendung kommt. Den zweiten Teil der Frage beantworte ich lieber nicht, das würde zu weit führen.
Heilung : Meine Frau hat Darmkrebs. Diagnose ist vor 5 Tagen durch Pathologe bestätigt. Ich dachte, dass sie jetzt operiert werden würde. Gegenwärtig sieht aber die Planung aus, dass sie eine Chemotherapie besonderer Art bekommt nämlich mit einem sog. Angionesehemmer, der verhindert, dass der Tumor weiter wächst durch irgendeine Hemmung. In der Beschreibung des Onkologen klang das alles sehr logisch, einfach und als wenn nichts weiter dabei wäre. Das ist sicherlich nicht so in der Realität. Wir haben eine Information zu den Nebenwirkungen erhalten, da fragt man sich, ob das überhaupt Sinn macht. Was muss meine Frau erwarten? Greift das ihre Gesamtkonstitution an? Wie normal kann sie leben während dieser Behandlung und am wichtigsten: Wie sicher führt das zu Heilung?
DR. FREIER: Ihr Fall klingt nach einer so genannten neoadjuvanten Therapiesituation. Neoadjuvant bedeutet, zunächst wird der Tumor einer Chemo- oder Chemo-Immun-Therapie unterzogen, mit der man die Aussichten für eine operative Heilung erhöhen möchte. Wenn eine Therapie eine Heilung ermöglichen soll, stellen Kompromisse jedweder Art den Behandlungserfolg, d. h. die Heilung, in Frage. Aus diesem Grunde werden in dieser Situation mehr Nebenwirkungen akzeptiert, als wenn der Patient eine Therapie "nur" zur Lebensverlängerung bekommt. Die Heilungsaussicht Ihrer Frau kann ich nicht beziffern, da ich zu Krankheitsstadium und Ausbreitung zu wenig Information habe.
Osnabrück : Den ersten Zyklus Chemotherapie hat meine Frau im Krankenhaus erhalten. Es ging ihr erstaunlich gut. Dann wurde sie an eine onkologische Schwerpunktpraxis ?übergeben?. Die erste Chemo dort ging auch noch. Dann wurde es schlimm in den Auswirkungen. Meine Frau möchte gern wieder ins Krankenhaus, aber das verweigert man ihr. Warum?
DR. FREIER: Die Verlagerung der Chemotherapie aus dem Krankenhaus in den ambulanten Bereich soll dem Patienten eine höhere Flexibilität in seinen täglichen Verrichtungen ermöglichen, da eine Praxis in aller Regel gut für die Behandlung in ambulanter Situation ausgerichtet ist. Welche Umstände bei Ihrer Frau dazu führen, dass Sie die Chemotherapie in der Praxis so schlecht verträgt, sind mir schleierhaft. Wenn Ihre Frau in ein Krankenhaus möchte, sollte sich ein Weg finden lassen, dass Sie dort die Therapie bekommt.
Dührsen : Ab welcher Größe beginnt der Tumor mit der Streuung?
DR. FREIER: Sie meinen wahrscheinlich das Tumorstadium. Tumoren werden in der so genannten TNM-Klassifikation klassifiziert. Die Tumoren mit niedriger Eindringtiefe in die Darmschleimhaut T1 und T2 streuen in der Regel nie, T3 streut unter bestimmten Umständen. Das Risiko der Streuung (Metastasierung) wird bei Darmkrebs anhand der befallenen Lymphknoten bestimmt, die bei der Operation mit entfernt wurden. Ist auch nur ein Lymphknoten durch Tumor befallen, geht man von einem hohen Streuungsrisiko aus und empfiehlt die adjuvante (prophylaktische) Chemotherapie.
Köthe : Ab welcher Größe kann der Tumor bei der Darmspiegelung erkannt werden?
DR. FREIER: Das müssten Sie eigentlich den Gastroenterologen fragen. Ich bin Onkologe und habe das letzte Mal vor 15 Jahren koloskopiert. Auffälligkeiten ab Reiskorngröße haben wir erkannt.
StelznerG : Ich habe seit 5 Jahren Colitis, befallen sind jetzt ca. 10cm. Habe große Sorge, dass daraus Krebs entsteht. Welche Therapiemöglichkeiten gibt es außer Astronautenkost?
DR. FREIER: Auch das ist eine Frage an den Gastroenterologen. Patienten mit Colitis Ulcerosa haben ein erhöhtes Darmkrebsrisiko. Das hängt natürlich auch vom Lebensalter ab, welches mir in Ihrem Fall nicht bekannt ist. Ihr Gastroenterologe wird Ihnen sicherlich Hinweise zur empfohlenen Vorsorge geben.
MareiSchiffl. : Ist Darmkrebs der Auslöser für Gallengangkrebs?
DR. FREIER: Nein.
Powers : In wie weit haben Lebensgewohnheiten und Ernährung Einfluss auf die Entstehung von Darmkrebs? Wie kann ich vorbeugen oder andere Vorsorge treffen?
DR. FREIER: Die Lebensgewohnheiten der westlichen Hämisphäre sind ein Risikofaktor für den Darmkrebs. Wir essen zu viel Fett und zu viele Kohlenhydrate. In Asien ist der Darmkrebs weniger verbreitete. Die dortigen Lebensgewohnheiten enthalten allerdings ein hohes Risiko für Magenkrebs. Da wir uns unseren gesellschaften Ernährungsgewohnheiten schlecht entziehen können, ist die empfohlene Vorsorge (Koloskopie ab einem Lebensalter von 55 Jahren) anzuraten.
C.Hauth : Ich würde gern auf eigene Kosten eine Darmspiegelung machen lassen, weil ich noch kurz unter der Altersgrenze bin, dass meine Kasse das übernimmt. Was kostet so eine Spiegelung ca. Man muss ja heute sehr die Preise vergleichen, weil ich die Erfahrung gemacht habe, dass da ein sehr großer Unterschied bestehen kann. Deshalb wäre eine ungefähre Preisangabe von großer Hilfe für mich.
DR. FREIER: Ich habe einen guten Tipp für Sie: Sagen Sie Ihrem Gastroenterologen, dass Sie Blut im Stuhl hatten, dann ist die Spiegelung umsonst. ;-)
Krögermann : Hat der Experte Vorschläge für eine Nebenwirkungsbehandlung bei Haarausfall und Fatique?
DR. FREIER: Natürlich! Es gibt ein uraltes Verfahren zur Vermeidung von Haarausfall bei der Chemotherapie, nämlich: Die so genannte Kopfhauthypothermie, d. h. während der Chemotherapie wird eine Eiskappe getragen. Dieses Verfahren wird leider kaum noch angewandt, obwohl auch Brustkrebspatientinnen dadurch den Haarsausfall vermeiden konnten, ganz abgesehen davon, dass die Kassen das nicht bezahlen. Zum Thema Fatique gibt es Ratschläge, die ganze Bücher füllen. Bereits daran ist zu erkennen, dass kein Vorschlag überzeugen konnte. Ihr behandelnder Onkologe hat sicherlich einige Verfahren parat und muss diese im Einzelfall auf Ihre Situation abstimmen.
PWO : Meine Mutter ist vor 2 Jahren an Darmkrebs erkrankt.Da dieser nicht mehr operiert werden kann, erhält Sie eine palliative Chemo. Nun wurden Metastasen in Leber und Lunge entdeckt. Wie wird in einen solchem Fall weiterbehandelt (Chemo oder Operation?)und wie hoch sind die Lebenserwartungchancen?
DR. FREIER: Die palliative Chemotherapie bei Darmkrebs beinhaltet zahlreiche Möglichkeiten. Man spricht von Therapielinien. 1., 2., 3. Therapielinie. Ich entnehme aus Ihrer Schilderung, dass die 1. Therapielinie bei Ihrer Mutter nun nicht mehr wirksam ist. Der behandelnde Onkologe muss daher über die Zusammensetzung der Chemotherapie in der zweiten Linie entscheiden. Eine Operation kommt wohl nicht in Betracht und zur Lebenserwartung lassen sich nur mediale Überlebenszeiten angeben. Mir ist schleierhaft, was einem Patienten die Angabe einer mittleren Überlebenserwartung bringen soll.
Tochter : Meine Mutter ist an Darmkrebs erkrankt, aber es geht ihr den Umständen entsprechend. Nun wollte ich mich gerne erkundigen, ob auch die Möglichkeit besteht die Chemotherapie zu Hause durchzuführen? Denn meine Mutter muss für die Infusion immer einen sehr weiten Weg fahren.
DR. FREIER: Ich lehne in meiner Praxis die Chemotherapie zu Hause ab. Eine Chemotherapie ist eine hochwirksame und oft mit Nebenwirkungen behaftete Therapie. Der Patient sollte regelmäßig von einem Arzt gesehen werden. Die Verordung einer Chemotherapie mit dem Hinweis, wir sehen uns in vier Wochen, halte ich für einen Kunstfehler. Der weite Weg muss dann leider in Kauf genommen werden. In aller Regel übernehmen die Krankenkassen den Taxitransport zum nächstgelegenen Onkologe.
Ehefrau : Ich habe gelesen, dass es zusätzlich zur Chemotherapie noch weitere Behandlungsmöglichkeiten gibt, die direkt den Tumor angreifen. Könnte eventuell auch bei meinem Mann eingesetzt werden? Bei ihm wurde vor kurzem Darmkrebs festgestellt und es haben sich auch schon Metastasen gebildet.
DR. FREIER: Sie meinen möglicherweise gegen den Tumor gerichtete Antikörper, z. B. Cetuximab, einen Antikörper gegen eine Oberflächenstruktur von Darmkrebszellen. Den so genannten EGF-Rezeptor. Die moderne Behandlung des Darmkrebses mit Metastasen kann auf viele verschiedene Wege durchgeführt werden, z. B. kombinierte Chemotherapie mit Antikörper gegen Tumorgefäße oder Kombinations-Chemotherapie mit Cetuximab oder Kombinations-Chemotherapie allein. Andererseits gibt es die Möglichkeit, besonders schonend, d. h. nebenwirkungsarm zu behandeln, z. B. Tabletten-Chemotherapie + Antikörper. Wie Sie sehen, gibt es eine große Palette der Möglichkeiten und Sie sollten mit einem Spezialisten in Ihrer Nähe das Für und Wider erörtern.
Kottendorf : Die Begriffe sind verwirrend, aber ich werde besser damit. Antikörper klingen schon mal vertrauenerweckend nach, das kämpft was gegen die kranken Zellen. Wie lange kann man damit das Leben verlängern bei diagnostiziertem Stadium 2?
DR. FREIER: Ich würde sagen, Vorsicht bei aller Euphorie modernen Medikamenten gegenüber. Schon oft wurde eine Neuerung beworben, die dann doch nicht hielt, was sie versprach. Und manchmal sind auch bewährte Therapien gar nicht so schlecht wie ihr Ruf. Zur Frage der Lebensverlängerung äußere ich mich nie direkt. Ich frage meine Patienten immer, was wollen Sie mit dieser Information anfangen, dann antworten die Patienten, ich kann dann das Wichtigste zuerst tun und dann antworte ich: Das sollte man immer!
Preusse : Wie entscheidend sind die vererbten Gene in Bezug auf Darmkrebs?
DR. FREIER: Sie meinen wahrscheinlich den vererblichen Darmkrebs, die bekannteste Form ist das HNPCC. Die Abkürzung H steht für hereditär (erblich) NP steht für nicht polypös (ohne Polypenbildung) und CC steht für Colon Carzinom. Dieses Gen ist verantwortlich für familiär gehäufte Darmkrebse bei jüngeren Patienten. Bei Patienten, die die so genannten Amsterdamm-Kriterien erfüllen, ist eine Untersuchung auf das HNPCC-Gen angezeigt. Diese Kriterien sind: Mindestens drei Familienangehörige mit Colon Carzinom und einer davon Verwandter ersten Grades. Erkrankung in mindestens zwei aufeinander folgenden Generationen. Mindestens ein Patient mit Colon Carzinom vor dem 50. Lebensjahr.
Eisenschmidt : Ich habe nach einer Darmkrebsoperation eine Chemotherapie erhalten, die ich überhaupt nicht vertragen konnte. Da es sich in erster Linie um eine Vorsichtsmaßnahme handelte, weil es keine Metastasen gab, hatte ich mich entschlossen, diese Behandlung nicht weiter zu führen. Es geht mir gut, aber beim leisesten Ziepen werde ich maximal nervös. Die OP ist 3 Jahre her. Anfangs hatte ich alle 3 Monate eine Kontroll-Spiegelung. Inzwischen gehe ich jährlich. Reicht das aus?
DR. FREIER: Glückwunsch, die ersten zwei Jahre sind die gefährlichsten und die haben Sie ja schon überstanden! Die Kassen empfehlen die Kontrollspiegelung alle zwei Jahre und das reicht nach meinem Dafürhalten auch aus. Wenn Sie die Spiegelung jährlich bekommen, haben Sie schon eine erhöhte Sicherheit. Übrigens: Nach fünf Jahren haben Sie das Krebsrisiko Ihres nicht betroffenen Nachbarn!
Caneos : Stadium 3, 2 Metastasen in Leber max 1,5cm, 5-FU+Oxaliplatin+Avastin. Beste Wahl oder was sagt Dr. Freier?
DR. FREIER: Dr. Freier sagt: Gute Kombination, wahrscheinlich plant Ihr Therapeut das Erreichen einer so genannten sekundären Resektabilität (Metastasenentfernung) mit Heilungschance.
Neuperlach : Ich bin zwar Laie aber sehr engagiert durch die Darmkrebserkrankung in Familie. Kann man Chemotherapie mit Antikörpern und zusätzlich Angionese Hemmer kombinieren, oder nur das eine oder andere mit Chemo. Oder erhöht sich der Therapieeffekt, wenn das nacheinander gemacht wird? Bitte nicht ärgern, wenn die Frage dumm ist.
DR. FREIER: Die Frage ist gar nicht dumm! Sie zeigt, wie sehr wir im Alltag "technisch" denken. 1 + 1 = 2. Krebs ist jedoch eine biologische Erkrankung. In der Biologie ist 1 + 1 nicht immer = 2. Auf den konkreten Fall bezogen: Die Kombination von Chemotherapie mit Antikörper und Angionesehemmer ist weniger wirksam als die Kombination von Chemotherapie mit Antikörper oder Angionesehemmer.
Mackens : Habe nach der Chemo Nasenbluten, das schwer zu stillen ist. Gibt es was dagegen? Das gibt sich dann nach einiger Zeit und mit der nächsten Chemo geht es dann wieder los.
DR. FREIER: Geringe Blutbeimengungen beim Schneuzen der Nase sind unter Chemotherapie normal, schließlich greift die Chemotherapie die Darmschleimhaut an, die sozusagen in der Nase beginnt. Schwer stillbares Nasenbluten könnte durch eine Verminderung der Blutplättchen verursacht sein. Dann, in dem Fall, müsste die Dosis der Chemotherapie angepasst werden.
Korinth : Neben den unendlich vielen Krebstherapien und Kombinationen gibt es ja auch noch in unterschiedlichster Form mit Infusion, oder Tabletten. Aber auch Nebenwirkungen und Risiken differieren sehr erheblich. Was ist momentan der anerkannte Standard bei Darmkrebs an den sich alle halten? Gibt es genug Therapiemöglichkeiten, um alle Chancen auszuschöpfen oder macht es Sinn zusätzlich auf Off-Lable zu gehen?
DR. FREIER: Anerkannter Standard in der Behandlung des Darmkrebses sind alle Therapien, die in der so genannten S-3-Leitlinie abgebildet sind (www.dgvs.de/media/leitlinie.pdf) Die aktuelle Leitlinie stammt vom 09. Juni 2007 und wurde 2008 veröffentlicht. Heute haben wir jedoch 2009. Das bedeutet, eine Leitlinie hat wie ein Joghurt ein Verfallsdatum. Wenn die Leitlinie zu alt ist, sollte sich der Arzt an den modernen Therapieempfehlungen orientieren. Übrigens: Auch ein Medikamenten-Label (Zulassung) wird in der Regel nicht aktualisiert.
Junk : Was ist anders bei einer Chemotherapie mit Angionesehemmer?
DR. FREIER: Wo sollen wir da anfangen? Angionesehemmer und Antikörper stellen einen neuen Ansatzpunkt in der Bekämpfung von Krebszellen dar. Sie ergänzen sich mit der Chemotherapie so wie das ABS mit der Bremse.
Saberi : Führt die Behandlung mit einem VEGF Hemmer zur Lebensverlängerung oder besteht auch eine Chance auf Heilung, evtl. in Verbindung mit anderen Therapien (auch OP)?
DR. FREIER: VEGF-Hemmer können die Mono-Chemotherapie mit dem Wirkstoff 5-FU oder die Tabletten-Chemotherapie mit Capecitabine in der Wirkung (Lebensverlängerung) erheblich steigern. Dieser Effekt wird leider in der Kombinations-Chemotherapie kleiner. Die Chance auf Heilung ergibt sich immer dann, wenn nach einer wirkungsvollen Chemotherapie eine Metastasenentfernung erreicht werden kann. Dieses können Sie ebenfalls in einer der zuvor beantworteten Fragen nachlesen.
Darmkrebs : Gibt es Medikamente, die auch bei Stadium 3 noch zu Heilung führen können?
DR. FREIER: Wenn Sie Stadium 3 UICC (International Union against Cancer) meinen, dann ja, denn UICC Stadium 3 bedeutet, es liegen noch keine Metastasen vor. Dennoch ist eine adjuvante (prophylaktische) Chemotherapie nötig, um die Heilungschancen weiter zu verbessern.
Schwerdter : Meine Frau bekommt eine Darmkrebs Kombibehandlung, die verhindern soll, dass sich neue Gefäße im Tumor bilden. Nimmt man in Kauf, dass insgesamt im Körper keine Gefäßerneuerung stattfindet in der Zeit der Therapie?
DR. FREIER: Neubildung von Blutgefäßen bedeutet, Angioneogenese. Diese Eigenschaft ist für das Tumorwachstum ab einer gewissen Tumorgröße lebenswichtig und wird im Körper ansonsten im Wesentlichen dort benötigt, wo Wundheilung erfolgt. Die Wundheilung ist daher bei der Behandlung mit Angiongenesehemmstoffen behindert.
Greifswald : Gibt es ein Alter, wo man sagt, nicht weiter quälen, die Situation akzeptieren? (Vater 82, Darmkrebs St. 3, 2 Metastasen in Lunge, sonst topfit)
DR. FREIER: Die Behandlung betagter Patienten ist mittlerweile unser tägliches Brot. Denn heutzutage definieren sich die Patienten nicht durch ihr Lebensalter, sondern, wie Sie selbst sagten, durch ihre körperliche Fitness. Medizinisch nennt man das das Fehlen von Comorbiditäten, d. h. ein 82-jähriger Patient ohne wesentliche Begleitkrankheiten soll so behandelt werden, wie ein jüngerer Patient. Es gelten die Grundsätze des Arbeitskreises geriatrische Onkologie in der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Onkologie. Mehr Informationen zu diesem Thema unter www.onkologie-hildesheim.de/177.html
Hübner : Mein Bruder ist an einem cholangiozelluläres Karzinom erkrankt. Welche Behandlung wäre für ihn jetzt optimal unter Einbeziehung aller modernen Möglichkeiten?
DR. FREIER: Ein cholangiozelluläres Karzinom ist ein Tumor der Gallengänge, also kein Darmkrebs, also eigentlich nicht unser Thema. Uneigentlich ist die Operation das einzige Verfahren das Heilung verspricht. Chemotherapeutische Möglichkeiten bestehen auch.
Renan : Wovon hängt ab, wann ein Tumor Tochtergeschwülste bildet? Ist es das ?Alter?, also ist es abhängig davon, wie lange die Zellen sich schon insgesamt falsch entwickeln? Gibt es Voraussetzungen unter denen ein Tumor besonders schnell oder langsamer wächst?
DR. FREIER: Was Sie meinen, nennt man Tumor-Biologie. Darmkrebs ist in der Regel ein Adeno-Karzinom, d. h. ein Tumor, der von Drüsen ausgeht, nämlich von den Darmwanddrüsen. Adeno-Karzinome wachsen in der Regel nicht rasend schnell und metastasieren unter bestimmten Voraussetzungen (Lymphgefäßeinbruch, Blutgefäßeinbruch). Jedoch ist jeder Tumor individuell, d. h. es gibt auch Ausnahmen von dem vorher Gesagten.
Olli : Meine Mutter ist mit 75 Jahern an Darmkrebs erkrankt. Ab wann sollten wir Kinder uns eíner Vorsorgeuntersuchung (Darmspiegelung) unterziehen? Wir sind alle unter 55 Jahre.
DR. FREIER: Ab 55.
Göttingen : Mein Vater will nicht mehr. Metastasen in Leber und Bauchfell. Wie häufig kann man eine KombinationsChemotherapie mit Antikörpern wiederholen? Wie sinnvoll sind Wiederholungen, was ist zumutbar für den Patienten?
DR. FREIER: Nichts anderes als der Wille Ihres Vaters ist von Belang. Ein (guter) Onkologe wird immer eine Alternativ-Chemotherapie oder Antikörper-Therapie anbieten können. Allerdings: Manchmal ist es wichtiger, den Tagen mehr Leben zu geben als dem Leben mehr Tage (Cicerly Saunders). In jedem Fall ist es in dieser Situation wichtig, die die Lebensqualität beeinträchtigenden Symptome zu lindern. Ein guter(!) Onkologe wird auch für diese Situation therapeutische Angebote zur Verfügung haben.
DR. FREIER: Ich danke den Teilnehmern für die zahlreichen interessanten Fragen und wünsche Ihnen noch einen angenehmen Abend! Die Expertensprechstunde ist ein interessantes Medium, es hat Spaß gemacht und war mir ein Vergnügen!
Ende der Sprechstunde.